Muss Hessens Geschichte umgeschrieben werden?

Neue Erkenntnisse in einer verlorenen Chronik

Marburg_1587_1.png

Ansicht von Marburg, Holzschnitt von Abraham Saur, 1587
Frühneuzeitliche Ansicht von Marburg. Handelte es sich bei der ominösen Chronik um ein Exemplar von Abraham Saurs "Diarium Historicum"? (Bild: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen, LAGIS)

Im Sommer 1741 wandte sich die Marburger Witwe Anna Christina Schneider an die Marburger Regierung und zeigte an, dass sie „eine kostbahre alte Hessische Chronick, in welcher sehr viele merkwürdige Curiosa zu lesen, vor ungefer 10 Jahren dem gerichtschöpf Hans Nau, vulgo stallhans zu Schreck auf sein vielfeltiges ansuchen gelehnt, […] welcher aber solches auf mein öffteres anfordern nicht wieder gegeben noch weniger den werth da vor ersetzt“ (HStAM 19 b, Nr. 563).

Da die Witwe Schneider eine alte und arme Frau war und das Geld, das ihr für die Chronik geboten worden war, gut gebrauchen konnte, bat sie die Marburger Regierung um Hilfe, das Buch zurück oder den Gegenwert von 30 Gulden erstattet zu bekommen. Die Marburger Regierung schrieb daher an den Oberamtmann in Amöneburg und bat dort um Amtshilfe in dieser Angelegenheit.
Um das Buch besser identifizieren zu können, ließ Anna Catharina Schneider notieren, welche „puncten mir unter anderen noch bekand“. Dabei handelte es sich vor allem um Informationen zu Marburg und Frankenberg, die sehr ungewöhnliche Aspekte der hessischen Geschichte präsentieren: „Marburg wäre ein dorff geweßen hernach sehr groß und weitläuffig außgebaut, entlich zu statt gemacht, da dan die erste Kirch der Kilio gewest, in der barfüßer straßen hatten die barfuß Münch gewohnet, in der wettergaß die witter täuffer, am pilgrimstein die pilger auf der Ketzerbach die Ketzer, der Hirschberg wäre wüst gelegen, daran hätten die Hirsch gangen desgleichen der grin wäre mit graß, und weitenhaußen mit saalweiten bewachßen gewesen...“
Bis hierhin ist die Überlieferung zwar kurios, abenteuerlich wird es im Folgenden: „die ungarische Königin St. Elisabeth hätte einen Printzen gehabt der Henricus gehießen und 2 Töchter, deren eine gertrut geheißen und in ein Closter kommen wäre, der Sohn Henricus wäre lutherisch geweßen hätte aber eine Fürstin von Palz so reformirt geweßen geheurathet derselben zu gefallen auch reformirt worden, und endlich diese religion in Heßen eingeführet, habe auch mit dem damahligen Kayser Krig geführet und denselben zu thal geschlagen, werendem Krig hätten sich einige Heß. v. Adel wieder setzt deren Höffe er verbrand, darauf ihme der Adel Feind worden, und endlich eine adel. Frau von Sauer diesem Printz mit gifft vergeben.“

Gesuch der Witwe Anna Catharina Schneider um Rückgabe ihrer "Cronick"
Gesuch der Witwe Anna Catharina Schneider um Rückgabe ihrer entliehenen "Cronick" oder Erstattung des Gegenwerts.

Aus der Akte geht nicht weiter hervor, ob die Witwe Schneider ihr Buch wiederbekommen oder die 30 Gulden erstattet bekommen hat. Auch ist ungelöst, um welche „hessische Chronica“ es sich handelte. Wilhelm Dillichs „Chronica“ ist in Quarto erschienen, die Witwe Scheider spricht aber von einem schweren Folio-Band. Meinte sie vielleicht Abraham Saurs „Diarium Historicum“ von 1582? Der in der Akte dokumentierte Vorgang belegt aber einige soziohistorisch spannende Aspekte. Anna Christina Schneider war durchaus gebildet, war sich des Besitzes eines wertvollen Buches bewusst, was nicht nur an den Nachfragen williger Käufer lag. Ob sie die Chronik selbst gelesen hat oder nur hat vorlesen lassen, wird nicht klar. Unklar ist auch, ob sie sich an die Inhalte korrekt erinnerte, denn die von ihr angesprochenen Darlegungen waren doch recht gewagt.

Geht man davon aus, dass die Witwe Schneider möglicherweise einige Fakten durcheinanderbrachte, zeigt es jedoch, was offensichtlich im kollektiven Gedächtnis der Marburger Mitte des 18. Jahrhunderts über die Stadtgeschichte präsent war. Der Kilian war tatsächlich die älteste Kirche, wohingegen die Herleitung der Straßennamen wie etwa der Wettergasse recht einfach gestrickt war. Auch die Bedeutung der Heiligen Elisabeth verschwamm mit den konfessionellen Veränderungen der Reformationszeit ins Tollkühne - bis hin zur Vergiftung des Sohn Elisabeths, der nicht Heinrich hieß, aber mit Landgraf Philipp dem Großmütigen verschmolz. Es kann eigentlich nur festgehalten werden, dass auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts eher Themen der heutigen Regenbogenpresse behalten wurden, gemäß dem Motto „Sex and Crime sells“.
Eva Bender, Marburg

Hessen-Suche