Ein frühneuzeitlicher Hexentanz im Marburger Raum?

Trouvaille aus der Marburger Hexenausstellung

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Johannes Praetorius: Bloks Bergs Verrichtungen, Leipzig 1668
Johannes Praetorius: Bloks Bergs Verrichtungen, Leipzig 1668

Aufgrund der Corona-Prävention ist derzeit die Marburger Ausstellung „Zauberei ist des Teufels selbs eigen Werk – Hexenverfolgung und Hexenglaube in Hessen“ leider nicht zugänglich. Sobald auch in diesem Feld Lockerungsmaßnahmen greifen, werden wir sie natürlich wieder öffentlich präsentieren. Um die „verlorenen“ Wochen auszugleichen, haben wir uns entschlossen, die Ausstellung bis zum Jahresende zu verlängern. Um aber jetzt schon die Zeit bis zur Wiedereröffnung zu überbrücken, präsentieren wir heute ein besonderes Fundstück, das in die Jahreszeit – zur Walpurgisnacht vom 30. April auf den 1. Mai - passt.

Die Akte behandelt den Prozess gegen Anna Dörr, der 1655 stattfand (HStAM Best. 260 Marburg Nr. 398). Die Frau war wegen Schadenzauber gegen Vieh und Mensch angeklagt worden. Gegen Ende der Verhöre, die unter Anwendung der Folter ein Geständnis erzielen wollten, gestand sie tatsächlich die Taten und schilderte dabei sehr anschaulich eines der Vergehen der "Hexerei": den Flug zum Hexensabbat oder im Wortlaut der Quelle: „zu den Tänzen“. Nachdem sie bereits in Erbenhausen auf einem Tanz gewesen war, hatte sie sich mit einer gelben Salbe an Beinen, Armen und dem gesamten Körper einschmieren müssen und konnte daraufhin mit ihrer Mutter, die ihr das Zaubern angeblich beigebracht hatte, zum Schornstein hinausfahren, also fliegen. Mit dabei waren die sogenannte Happelsche und die „Kirchhainer Weiber“, die schon vor Anna Dörr als "Hexen" hingerichtet worden waren. Neben der lokalen Verortung der heute noch gängigen Flurnamen wie Cappeler Feld und gebrannter Berg ist die Verknüpfung von Anna Dörrs Fall mit der Verfolgungswelle von "Hexen" in Kirchhain aufschlussreich, die erst kurz zuvor eingesetzt hatte. So nannte (besagte) Anna bereits hingerichtete "Hexen" und präsentierte sehr anschaulich die in den Urgichten, wie die Geständnisse zeitgenössisch genannt wurden, erwarteten Elemente der Hexerei wie den Teufelspakt, der durch die Teufelsbuhlschaft besiegelt wurde, und den Flug zum Hexensabbat. Der Schaden gegen Mensch und Vieh, den sie zaubernd erwirkte, gehörte auch dazu. Er war konkret greifbares Beiwerk zu den plastischen Schilderungen des Hexenwerks.

Auszug aus dem Prozeß gegen Anna Dörr, 1655
Auszug aus den Prozessakten gegen Anna Dörr: "Sie gab ferner vor, alß Sie daß Zauberen von ihr Mutter gelernet..."

Sowohl die unterschiedlichen Elemente des elaborierten Hexereibegriffs als auch die konkreten Vorwürfe gegen Anna Dörr werden in der Ausstellung an zwei Stellen angesprochen und in einen analytischen Zusammenhang gebracht. Die Zeitgenossen hingegen werteten die heutzutage etwas krude wirkenden Vorwürfe als tatsächliche Bedrohung. Die Dramatik der im Hexenkosmos verkehrten Welt wurde auch in illustrierenden Holzschnitten und Kupferstichen zu Publikationen über die Hexerei aufgegriffen. In dem Holzschnitt zu Johannes Praetorius‘ „Blocks Bergs Verrichtungen“ von 1668 wird der Hexentanz auf dem Brocken in der Walpurgisnacht dargestellt: "Hexen" beiderlei Geschlechts amüsieren sich mit dem Teufel in vielfältiger Gestalt, fliegen durch die Luft zum Tanzplatz, wo sich der Teufel als schwarzer Ziegenbock mehrfach zeigt und verehrt wird. Die Abkehr von Gott und die damit verbundene Hinwendung zum Teufel war das eigentliche Verbrechen der "Hexen", das die Obrigkeit verfolgte.
Weitere Informationen finden Sie in unserer Begleitbroschüre, die auch während der Schließung der Ausstellung im Staatsarchiv bestellt werden kann. Wir senden sie Ihnen gerne kostenfrei zu.
Eva Bender, Marburg

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