Trouvaille zum nassau-idsteinischen Forstwesen

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Rechnungsband von 1705

Die Wege frühneuzeitlicher Akten sind oftmals nicht ganz klar zu rekonstruieren. Üblicherweise gelangten sie aus der Schreibstube des herrschaftlichen Beamten oder der Behörde irgendwann in das Territorialarchiv und befinden sich – zumeist nach einigen innerarchivischen Umzügen und mehrfachen Umbenennungen der Archive – heute im zuständigen Staatsarchiv. Nicht selten aber nahm sie der Beamte selbst mit, und die Stücke kamen im Vererbungsweg auf die Kinder. Oder sie landeten auf einem Dachboden oder einem Keller und unterzogen sich mit dem Gebäude einem stetigen Besitzerwechsel. Auf diesem Weg gelangen solche Schriftstücke immer wieder in Auktionen und Antiquariate. Eine solche Vergangenheit dürfte auch die nassau-idsteinische Forstrechnung aus den Jahren 1705 bis 1707 haben, die kürzlich durch das Hessische Hauptstaatsarchiv aus einem Antiquariat erworben werden konnte. Schon der charakteristische Einband ließ die Archivarinnen und Archivare des Hauptstaatsarchivs Gewissheit erlangen, dass sie in die Reihe weiterer Rechnungsbände in seinen Beständen gehört.

Denn ein besonderer Schatz des Hessischen Hauptstaatsarchivs ist die überaus umfangreiche nassauische Rechnungsüberlieferung, die in anderen Archiven häufig – wenn überhaupt – nur lückenhaft überliefert ist. Diese Wiesbadener Überlieferung umfasst nicht nur die Rechnungsbücher, sondern auch Quittungen und sonstige Belege. Für Nassau-Oranien sind das mehr als 14.500 Bände, für Nassau-Usingen 6635 Bände, für Nassau-Idstein 3753 Bände: Kammerrechnungen, Rechnungen der Hofhaltungen, Kellereirechnungen, Renteirechnungen, Landesunkosten- und Kriegskostenrechnungen, Baurechnungen und vieles mehr. Aus ihnen lässt sich das tägliche Leben rekonstruieren, der Warentransfer nachvollziehen, Kunstwerke sind zu datieren, der Bau und die Instandhaltung von Gebäuden ist zu erfassen. Weil die Materie trocken erscheint, wird ihr wissenschaftliche Mehrwert leider allzu häufig unterschätzt. Dabei ist die Informationsflut in solchen Bänden enorm. Und manches Autograph eines Wissenschaftlers oder Künstlers in den Bänden hat - neben allem historischen Zeugniswert - seine ganz besondere Aura.

Angesichts dieser annähernd lückenlosen Überlieferung war es ein Glücksfall, dass einer der wenigen Bände nun im Handel auftauchte. Er enthält für drei Jahre zahlreiche Quittungsbelege, aber auch Steuer- und Abgabelisten mit Namensverzeichnissen, die fortan für die genealogische Forschung mit großem Gewinn zu Rate gezogen werden können. Nach mehr als dreihundert Jahren konnte der Band unter der Signatur HHStAW Abt. 133 Herrschaft Idstein Nr. R 3521 (1705) erschlossen und dem Bestand beigefügt werden. Er ist ab sofort für die öffentliche Forschung einsehbar.
Rouven Pons, Präsidialbüro Hessisches Landesarchiv

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