Historische Kinderzeichnung

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Kinderzeichnung
Kutsche mit Passagieren, Lakai, Pferden und Schaulustigen, o.J., Bleistift (HHStAW Abt. 342 Nr. 847)

In Akten finden sich immer wieder Schriftstücke, die dort eigentlich nicht hingehören und nur entfernt, manchmal auch gar nichts mit dem eigentlichen Thema der Akten zu tun haben. Bei der Verzeichnung stellen diese Schriftstücke den Archivar oder die Archivarin oftmals vor einige Schwierigkeiten: Soll man sie einzeln erfassen, unter einem Sammelbegriff aufnehmen oder einfach ignorieren? Während man in früherer allein schon aus Gründen der Arbeitsökonomie - man denke nur an die Zeiten handgeschriebener Findmittel oder mühsam angelegter Karteikarten - häufig streng nach Entstehungszweck der Akte bzw. Aktentitel vorging, ermöglicht der Einsatz von Archivdatenbanken die schnelle Verzeichnung und vor allem Wiederauffindung auch derartiger Schriftstücke.

Um einen solchen Fall handelt es sich bei den Kinderzeichnungen, die in einer Akte aus dem sayn-hachenburgischen Amt Hachenburg enthalten sind (HHStAW Abt. 342 Nr. 847). Bei der Akte handelt es sich um ein Konvolut loser Blätter zum Thema „Jagd- und Fischereisachen sowie Viehhaltung auf dem herrschaftlichen Hof Lützelau“, die einen Zeitraum von 1621 bis 1735 umfassen. Wann diese Blätter zu einer Akte formiert wurden, ist unbekannt; die handschriftlichen Vermerke auf dem Umschlag deuten auf das 19. Jahrhundert.

Kinderzeichnung


Die Kinderzeichnungen befinden sich auf der Rückseite zweier Blätter mit lateinischen Notizen, die offenbar im Zusammenhang mit Rechtsstreitigkeiten über Jagd- und Fischereirechte des Hofes angefertigt wurden. Die etwas unbeholfene Darstellung, die in verschiedenen Versionen überliefert ist, zeigt eine von mehreren Pferden gezogene, geschlossene Kutsche, die von drei runden Verzierungen gekrönt ist. Ein Kutscher mit einer langen Peitsche sitzt auf dem Kutschbock; in der Kabine befinden sich zwei vis-à-vis sitzende Passagiere. Auf dem Tritt hinter der Kabine steht eine weitere Person. Auf einer der Versionen sind auch Schaulustige dargestellt, die der Kutsche zuwinken und möglicherweise auf dem Boden knieen.

Über den Zeitpunkt der Entstehung dieser Zeichnung kann nur spekuliert werden; vermutlich aber entstand sie im frühen 18. Jahrhundert. Offenbar war der junge Zeichner oder die junge Zeichnerin so von der Vorbeifahrt einer herrschaftlichen (?) Kutsche und der Reaktion der Schaulustigen beeindruckt, dass er bzw. sie dieses Geschehen gleich mehrfach festhalten wollte. Dank der Aufbewahrungsfreude der Archivare hat sie die Zeiten überdauert und kann nun - zusammen mit den eigentlichen Schriftstücken der Akte - im Lesesaal des Hessischen Hauptstaatsarchivs eingesehen werden.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden
 

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