Friedhof der Kuscheltiere?

Historische Fotos eines Hundefriedhofs

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Wiesbadener Hundefriedhof 1
Grab für den unvergesslichen (sic!) lieben guten treuen Derby (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 3068)

Die Bestattung von (Haus-)Tieren ist keineswegs ein neumodischer Trend. Schon im Alten Ägypten wurden als heilig verehrte oder den den Göttern geopferte Tiere würdig bestattet. Bekannt sind vor allem die Mumien von Katzen, aber auch anderen Tiere, von der Maus bis zum Krokodil, konnte eine entsprechend ehrenvolle Bestattung zuteil werden. Im europäischen Raum war es bis ins Frühmittelalter üblich, Kriegern und wohlhabenden Personen ihre treuen Begleiter mit ins Grab zu geben, vor allem Pferde und Hunde – vermutlich die Tradition kultischer Bräuche aus vorchristlicher Zeit.
Doch auch später wurden geliebte Haustiere privat in Ehren begraben, was mit zunehmender Verstädterung und verdichteter Besiedelung zu einem Problem wurde: Stadtbewohnern stand und steht nur selten ein passendes Stück Grünland zur Verfügung. Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten sich daher die ersten Tierfriedhöfe, die hauptsächlich für Hunde und Katzen gedacht waren, bald aber auch andere Tiere aufnahmen. Welche Formen das Totengedenken für Haus- und Schoßtiere hatte und hat, ist ein spannendes Thema, zu dem es allerdings nur wenige archivische Quellen gibt.

Wiesbadener Hundefriedhof Gesamtaufnahme
Blick über den Hundefriedhof

Um so interessanter sind die historischen Fotos eines Wiesbadener Hundefriedhofs, die in der Bildersammlung „Foto Rudolph“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrt werden (Abt. 3008/2, Serie Hundefriedhof).
Eine Gesamtaufnahme zeigt ein Gräberfeld in einer wilden Wiese, aus der kleine Grabsteine mit steinernen Umrandungen herausragen.

Wiesbadener Hundefriedhof 3
Grab für die "liebe treue Hexe Müller-Stopfkuchen" (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 3067)

Die Grabsteininschriften ähneln denen von Menschen; sogar Sterbekreuze sind gesetzt. „Unser unvergesslicher (sic!) lieber guter treuer Derby“ ruht auf dem Friedhof, auch „unsere liebe treue Hexe Müller-Stopfkuchen“ ist dort begraben. Dem „treuen Rolf“ ist sogar ein zweisprachiger Vers gewidmet:
„Du warst der Sonnenschein im Haus.
Mit dir zog all mein Glück hinaus.
Thy mem’ry is graven on my heart
Till death’s cold grasp must be.“

Andere Töne werden auf dem Doppelgrab von Motte und Mohr angeschlagen: Sie waren „gute Kameraden“. Flöckchen war ein „treuer Kamerad“, und bei Peterle wird „Treue um Treue“ versprochen. Welcher Rasse die Hunde waren, ist nicht vermerkt.

Wiesbadener Hundefriedhof 2
Grab für "Flöckchen. Unser treuer Kamerad." (HHStAW Abt. 3008/2 Nr. 3065)

Die Fotos des Wiesbadener Hundefriedhofs könnten als ein archivisches Kuriosum gelten, wenn sich nicht bei genauere Betrachtung ein leichter Schauder einstellte: Die Hunde sind im Zeitraum von 1935 bis 1942 begraben worden, was die markigen Grabsprüche für Motte und Mohr, Flöckchen und Peterle in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Mit Sicherheit haben die Besitzer ihre Hunde sehr geliebt, und die Gestaltung der Grabsteine und Gräber erscheint unverdächtig. Doch vor dem Hintergrund, dass zur Zeit der Aufnahme bereits seit drei Jahren ein Weltkrieg tobte und eine weitere deutsche Offensive in der Sowjetunion unmittelbar bevorstand, dass das nationalsozialistische Deutschland gleichzeitig einen gnadenlosen Vernichtungsfeldzug gegen alle für „unwert“ erklärten Menschen führte, dessen mörderische Ideologie auch im Reich niemandem verborgen geblieben war – vor diesem Hintergrund wirkt der friedliche Hundefriedhof mit seinem ordentlichen Gräbern, aufgenommen an einem Sommertag im Jahr 1942, geradezu grotesk.
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

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