Troja in Idstein?

Das hölzerne Pferd in der nassauischen Residenzstadt

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Bericht des Sekretärs Reinemer über das "Hölzerne Pferd" in Idstein
"...wegen wieder auffrichtung eines höltzernen Pferdts...". Bericht des Sekretärs Johann Nicolaus Reinemer, 1735

Manchmal regt das freie Stöbern im Archivinformationssystem Arcinsys die Phantasie an. Bei dem Titel „Die Wiederaufrichtung eines hölzernen Pferdes zu Idstein“ mit der Laufzeit 1735, 1765 im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (Best. 133 Nr. IX 8) lässt doch gleich Assoziationen zum Trojanischen Pferd zu. Fast unwillkürlich stellt man sich ein solch riesiges hölzernen Ross auch inmitten der kleinen Residenzstadt vor und fragt sich, was es denn damit auf sich gehabt haben könnte.

Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, war das Pferd dann doch deutlich kleiner und weniger spektakulär. Einem Bericht vom 30. August 1735 zufolge muss es sich auf dem Idsteiner Markplatz befunden haben und war kurz zuvor zerstört worden. Man vermutete „Baufälligkeit“, doch war das ein Irrtum.
Wie der Sekretär Johann Nicolaus Reinemer zu berichten wusste, trug der Müller Burckhard Bendinger daran die Schuld. Er war mit einem jungen Pferd nach Idstein auf den Markplatz gekommen, um dort Mehl zu verkaufen, hatte das Tier dann aber auf dem Marktplatz zurückgelassen. Vermutlich war die hölzerne Statue so täuschend echt, dass das Pferd in ihm einen Artgenossen witterte. Es rieb sich, wie Reinemer darlegte, so sehr an der hölzernen Figur, dass sie umfiel und über die Mauer am Marktplatz kippte „und gantz entzwey“ ging. Man könne froh sein, dass nichts Schlimmeres geschehen sei, meinte er.
Reinemer empfahl, den Müller zur Kasse zu bitten, wenn ein neues Pferd auf dem Marktplatz aufgerichtet werden sollte. Denn schließlich habe sein Tier den Schaden verursacht. Die nassauische Hofkammer in Usingen folgte der Empfehlung und wies das Oberamt an, die Sache zu untersuchen und den Müller auf Geldzahlungen zu verpflichten.

Marktplatz in Idstein, um 1900
Der Marktplatz in Idstein um 1900. Der Standort des hölzernen Pferdes - rund 165 Jahre vor der Aufnahme - ist nicht überliefert.

Über den Zweck des Pferdes schweigt sich die Akte aus. Der Idsteiner Stadthistoriker Max Ziemer ging in einer kleinen Bemerkung in der Idsteiner Heimatschau vom 31. Dezember 1940, S. 723, davon aus, dass es sich um ein Strafinstrument für Frevler aus dem Bürgerstand oder betrügerische Marktleute gehandelt habe. Diese Einschätzung könnte richtig sein. Denn auch in Wiesbaden auf dem Marktplatz war ein Pferd aufgerichtet, das zur Bestrafung bei Vergehen der Landmiliz eingesetzt wurde, indem die Deliquenten öffentlich darauf zu reiten hatten. (HHStAW Best. 137 Nr. VII a 10). Das Pferd war 1753 u.a. durch Holzfäule schadhaft geworden (vgl. auch HHStAW Best. 1136 Nr. 819). Und auch für die Frankfurter Hauptwache ist ein solches Pferd für das Jahr 1738 überliefert.

Hauptwache in Frankfurt um 1738
Hauptwache in Frankfurt um 1738. Auch an der Ecke des Wachgebäudes stand einst ein hölzernes Pferd (kol. Kupferstich nach einer Zeichnung von Salomon Kleiner)

Erstaunlich bleibt, dass das Idsteiner „Pferd“ in seiner Bestimmung nicht dezidiert benannt wird – im Gegensatz zu dem Wiesbadener Tier. Auch gibt es keinen Hinweis darauf, was aus dem Pferd wurde. 1765 allerdings wird erneut davon berichtet, dass es auf dem Marktplatz wegen „Fäulung umgefallen und verkommen“ sei. Ob ein neues Pferd aufgestellt wurde, wie es das Schreiben der nassau-usingischen Regierung nahelegt, geht aus der Akte leider nicht hervor.
Vielleicht weiß das Stadtarchiv in Idstein mehr darüber zu berichten?

Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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