Werbung für das Darmstädter Weiße Rössl

Theaterreklame und Theatertourismus im Jahr 1932

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Werbefoto für die Aufführung des "Weißen Rössl" in Darmstadt (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)
Werbefoto für die Aufführung des "Weißen Rössl" in Darmstadt, 1932 (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)

In einer Mischung aus verschämtem und übergriffigem Tonfall richtete die Intendanz des Hessischen Landestheaters Darmstadt am 15. Mai 1932 ein Schreiben an den Kritiker von Hahn, um die Aufnahme der Revue-Operette „Im Weißen Rössl“ in das eigene Programm zu rechtfertigen und eine nachsichtige Rezension einzufordern. 400 Bühnen im In- und Ausland, so hieß es, hätten das Stück bereits aufgeführt. „Auch Darmstadt wäre nicht verschont worden, denn seit mehr als einem Jahr bereisen ausgezeichnete Tourneen das Reich, die überall dort wochenlang gastieren, wo die stehende Bühne die Operette nicht selbst aufführt.“ (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4). Es wäre für das Landestheater, dessen Finanzlage ohnehin angespannt war, nicht zu verantworten, das „zahlenmäßig beschränkte Darmstädter Publikum“ einem solchen Tourneetheater zuzuführen, während die angestammte Bühne leer ausginge. Bewusst habe man sich zur Aufführung im Sommer entschieden, um der „Zugkraft“ des schönen Wetters die Revueoperette entgegenzusetzen. Nun bat man den Rezensenten, keinen Verriss zu veröffentlichen, um das Theater nicht in eine finanzielle Schieflage zu bringen.

Produktionsnotizen zum "Weißen Rössl" in Darmstadt (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)
Produktionsnotizen zum "Weißen Rössl" in Darmstadt (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)

Interessanter aber noch als dieses Schreiben ist die überaus ambitionierte Werbemaschinerie zu nennen, die im Vorfeld der Aufführung zum Tragen kam. Nicht nur Plakate wurde gedruckt und Anzeigen geschaltet, vielmehr kamen Postkarten in den Umlauf, Wurfzettel wurden in der gesamten Stadt verteilt und Zeitungsbeilagen veröffentlicht. Auch von einer Laufschrift und einer Fotoausstellung ist die Rede; in Kaufhäusern sollten die Schaufenster zu Weißen Rössl dekoriert werden. Darüber hinaus wurde an Merchandise-Artikel wie Knopflochschilder und Luftballons gedacht. Auch Tauschbilder wurden erwogen, und der Dreh eines Filmes. Beim Landeskriminalamt Darmstadt wurde die Erlaubnis eingeholt, mit einem Lautsprecher-Omnibus die nähere Umgebung Darmstadts zu befahren, um auf diese Weise Werbung für das Stück zu machen.

Sonderbusfahrten zur Aufführung des "Weißen Rössl" in Darmstadt (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)
Sonderbusfahrten zur Aufführung des "Weißen Rössl" in Darmstadt (HStAD Best. G 55 Nr. 192/4)

Die Arbeitsgemeinschaft Hessischer Kraftfahrlinien und Rundfahrt-Unternehmungen organisierte schließlich an Samstagen und Sonntagen Bussonderfahrten, die in Heppenheim, Bensheim, Auerbach, Zwingenberg, Alsbach, Jugenheim, Seeheim, Langen, Dieburg, Crumstadt-Goddelau, Gräfenhausen, Pfungstadt und Griesheim zwischen 18:00 und 18:40 Uhr losfuhren und ab 23:15 Uhr in Darmstadt die Rückfahrt antraten. Die Omnibusfahrten waren nötig geworden, weil eine Rückfahrt zu so später Stunde mit der Eisenbahn nicht mehr möglich war. Das Landestheater hatte sich sogar direkt mit den verschiedenen Anbietern in Verbindung gesetzt, um der Landbevölkerung den Besuch der Vorstellungen zu ermöglichen. Selbst bis aus Waldmichelbach im Odenwald kamen dann die Anfragen, sich an diesen Fahrdiensten zu beteiligen. Eine andere Busfahrt begann in Lindenfels und sammelte dann über Reichelsheim, Fränkisch Crumbach, Brensbach, Wersau, Groß-Bieberau und Reinheim die Bevölkerung ein. Die Zahlen schwankten freilich dann zwischen 158 (29. Mai 1932) und 10 Busreisenden (6. Juni).
Und in Darmstadt selbst waren Eingaben der Abonnenten zu verzeichnen, die das Stück mehrfach sehen wollten, was nicht vorgesehen war. An sie wurden Gutscheine verteilt, um außerhalb des Abonnements die Aufführung zu den ermäßigten Preisen besuchen zu können. Allein in der Spielzeit 1931/32 kam es zu 17 Aufführungen; die Zahlen für die Spielzeit 1932/33 sind leider nicht überliefert.

Das war natürlich kein Vergleich zu den 675 Aufführungen in London, 342 in Berlin oder 312 in Wien, aber für die Größe Darmstadts mehr als beachtlich. Und so war auch das Resümee, das der anfangs genannte Rezensent von Hahn – auf Druck des Landestheaters ? – zog, ein positives: „Wenn es ihm [dem Rößl] gelingt, immer neue Besucher ins Haus zu ziehen, sie zu interessieren und dauernd zu gewinnen, so seien ihm alle Fehler und Schwächen verziehen“, zumal die Aufführungen der „Inszenierungskunst unserer Landesbühne ein glänzendes Zeugnis ausstellen“.
Rouven Pons, Darmstadt

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