Briefe eines ungarischen Revolutionärs

Die Inhaftierung des Imre Szabó in Hessen-Homburg 1854

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Aktenumschlag einer Geheimratsakte aus der Landgrafschaft Hessen-Homburg
Aktenumschlag der Geheimratsakte über die "von Oesterreich verlangte Auslieferung des Insurgenten-Führers Szabó aus Ungarn". Laut Vermerk fehlen einige Schriftstücke, da sie vom Geheimen Rat "nicht wieder zu den Acten gelegt wurden."

Die Revolution von 1848/49 war in Ungarn besonders radikal und führte nach dem Amtsverzicht des Palatins unter der Führung Lajos Kossuths zu einem Aufstand, der die ungarische Unabhängigkeit vom Habsburgerreich herbeiführen sollte. Was folgte war ein monatelanger Krieg, der erst im Sommer 1849 mit russischer Hilfe niedergeschlagen werden konnte. 13 Generäle und Offiziere wurden schließlich in Arad auf Anweisung des kaiserlichen Statthalters hingerichtet und gingen als „Märtyrer von Arad“ in die Geschichtsbücher ein. Kossuth konnte – ebenso wie anderen Revolutionäre – fliehen und wurde in Abwesenheit verurteilt. Nach den Revolutionären machte sich die österreichische Regierung noch Jahre später europaweit auf die Suche. Es ist daher nicht verwunderlich, dass mehrere Akten zu diesen Fahndungen auch im Schriftgut des Geheimen Rates der Landgrafschaft Hessen-Homburg überliefert sind, die sich heute im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden befindet.

Revolutionsführer Lajos Kossuth
Der Rechtsanwalt, Politiker und Revolutionsführer Lajos Kossuth (1802-1894)

Gesucht wurden 1851 der im ungarischen Landesverteidigungsausschuss für das Polizeiwesen zuständige Laszlo Madarasz (HHStAW Best. 310 Nr. XIV e 1 26), 1854 der Kossuthsche Gesandte Michael Thury (HHStAW Best. 310 Nr. XIV e 1 31) sowie ebenfalls 1854 der ehemalige Kultusminister Michael Horvath (HHStAW Best. 310 Nr. XIV e 1 32). Zumeist handelt es sich dabei um Aufrufe des österreichischen Geschäftsträgers in Frankfurt an die Landgrafschaft, die Gesuchten auszuliefern, die auch in anderen Territorien eingingen (HStAD Best. G 15 Friedberg Nr. Q 1674). Hin und wieder finden sich auch Personenbeschreibungen in den Akten.

Außergewöhnlich ist allerdings die Akte über den ehemaligen Aufständischen Imre Szabó von Kisgeresd (1820–1865) (HHStAW Best. 310 Nr. XIV e 1 33), der als einer der entschiedensten Partisanen Kossuths verurteilt und sogar in Abwesenheit in effigie gehängt worden war. Er wurde von der österreichischen Regierung europaweit gesucht und schließlich auch in Bad Homburg inhaftiert. Der entsprechenden Akte liegen zwei umfangreiche Schreiben des ehemaligen Revolutionärs bei, die er im Stadtgefängnis Bad Homburg verfasst hatte.

Souvenirblatt von Bad Homburg mit 10 Ansichten, um 1850
Imre Szabó kam zur Erholung nach Bad Homburg: Zeitgenössisches Souvenirblatt der beliebten Kurstadt von Thomas Heawood (Quelle: Modul "Historische Ortsansichten" im Landesgeschichtlichen Informationssystem LAGIS)

Das erste Dokument stammt vom 12. November 1854. Darin erklärt Szabó, als kranker Mann nach Bad Homburg gekommen zu sein, um seine Gesundheit wiederherstellen zu lassen, wie es bereits 1850 und 1851 jeweils für mehrere Wochen der Fall gewesen war. Er müsse zugeben, dass er sich durch seine Teilnahme am Aufstand in Ungarn kompromittiert habe, was nicht zu entschuldigen sei. Er habe das in den vergangenen Jahren büßen müssen und sei physisch und moralisch gebrochen und trage den „Keim des Untergangs“ bereits in sich. Allerdings habe er sich nichts zuschulden kommen lassen, weshalb er nicht verstehe, warum Österreich eine solche Aufmerksamkeit auf ihn lenke. Er appellierte an deutsche Ritterlichkeit und Heldenmut, beteuerte sein Vertrauen in den Landgrafen und brachte seine Bewunderung für die k.k. Armee zum Ausdruck. Letztlich bat er den Landgrafen darum, ihn nicht nach Österreich auszuliefern: aus rechtlichen Gründen, da ihm der Aufenthalt in Homburg ja bereits genehmigt worden sei, und aus Gründen der Humanität.
Das zweite Schreiben vom gleichen Tag richtete er an den französischen Außenminister Talleyrand. Auch diesem versicherte er, bisher in England und Frankreich ein zurückgezogenes Leben geführt zu haben und keiner politischen Partei anzugehören, was angesichts seines weiteren Lebenswegs zumindest nicht ganz glaubhaft ist. Denn 1859 wirkte er als Oberst einer ungarischen Legion in Italien und als Sekretär des ungarischen Nationaldirektoriums. Außerdem sei er krank, weshalb er um die Protektion Talleyrands bat.

Karte von Ungarn und Siebenbürgen im Jahr 1849
Karte von Ungarn und Siebenbürgen im Jahr 1849

Und tatsächlich zog sich die hessen-homburgische Regierung mit der Erklärung aus der Affäre, dass „in Erwägung der im Abschluß begriffenen Uebereinkunft mit Oestreich“ nur „gemeine Verbrecher“ ausgeliefert werden sollten. Wenn Wien einen solchen Nachweis nicht erbringen könne, sehe man sich nicht in der Lage, Szabó auszuliefern. Wien stellte daraufhin, nicht ohne seinem Missfallen Ausdruck zu verleihen, eine Aktenrecherche an und konnte ein zurückliegendes Betrugsdelikt ermitteln. Doch war es bereits zu spät, da Szabó schon wieder auf freien Fuß gesetzt worden war. Mochte sich Wien auch verstimmt zeigen; der britische Gesandte in Frankfurt ließ dem Landgrafen seinen Dank für die „an den Tag gelegte Humanität aussprechen.“
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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