Bestandsaufnahme als Herrschaftsrepräsentation

Ein Inventar des Landgrafen Moritz von 1594

Inventar.png

Inventar des Zeughauses in Kassel, 1594
Inventar des Zeughauses in Kassel aus dem Jahr 1594, Vorder- und Rückseite (HStAM Best. 40 a Rubr. 13 Nr. 625)

Um Überblick über den Inhalt eines Lagerungsortes zu behalten, werden Inventuren durchgeführt. Die Ergebnisse werden dabei in der Regel in einem Inventar festgehalten. Während Geschäfte oft am Ende eines Geschäftsjahres eine solche Inventur durchführen, um ihre Bestände zu überprüfen, wurde im höfischen Kontext in der Regel anlässlich eines Regierungswechsels der vorhandene Bestand überprüft und ein entsprechendes Inventar angelegt. Gleiches galt beim Tod einer Herrscherpersönlichkeit für die privaten Hinterlassenschaften. Aus dem Ende des 16. Jahrhunderts ist im Staatsarchiv Marburg ein Inventar des Zeughauses in Kassel erhalten (HStAM 40 a, Rubr. 13, Nr. 625), das es wert ist, hier kurz näher betrachtet zu werden, da es in seiner Erscheinungsform in vielen Aspekten eher ungewöhnlich ist.

Doppelseite aus dem Inventar des Zeughauses in Kassel, 1594
Am meisten Werkzeug stand dem Zeugschlosser zur Verfügung; der Wagner hatte erheblich weniger. Der Zimmermann musste sich mit "zwo Schrott Sagenn" (Schrotsägen) begnügen. Es ist aber anzunehmen, dass sich die Handwerker die Werkzeuge teilten.

Zunächst findet man ein solches Halbfolio-Format gewöhnlich eher bei Rechnungsbüchern, während Inventare in der Regel das gewöhnliche Folio-Format haben. Zudem ist es in Leder gebunden und wird mit zwei Bändern geschlossen. Der Ledereinband wiederum ist mit zwei eingestanzten Prunkwappen auf der Vorder- und Rückseite versehen. Das hessische Herrschaftswappen ordnet mit den Abkürzungen „M.L.Z.H.“, also „Moritz, Landgraf zu Hessen“, das Inventar seinem Auftraggeber oder auch Besitzer zu. Bei dem rückseitigen Wappen handelt es sich um das Württemberger Wappen, das auf den ersten Blick kaum mit Landgraf Moritz (1572–1632) von Hessen-Kassel in Verbindung zu bringen ist. Es stellt aber eine Verbindung zu seiner Mutter, Herzogin Sabine von Württemberg (1549–1581), her. Somit sind die dynastisch eindeutigen Wappen den Eltern von Moritz zuzuordnen, also auch das hessische, das gleichzeitig für Landgraf Wilhelm IV. (1532–1592), aber auch für seinen Sohn Moritz steht. Über die beiden Wappen und den abgekürzten Hinweis auf Landgraf Moritz wird eine dynastische Kontinuität von der Elterngeneration auf den ältesten Sohn symbolisch kommuniziert. Der Anlass für die Erstellung dieses Inventars war sicherlich der Wechsel in der Kasseler Regierung nach dem Tod Wilhelms IV. am 25. August 1592 auf seinen Nachfolger Moritz. Denn im Inventar wird auch der Erstellungszeitpunkt genannt: „uffgerichtet den letzten tagk decembris Anno Domini 1593“, also noch zeitnah zu dem Regierungsantritt von Moritz.

Seite aus dem Inventar des Zeughauses in Kassel, 1594
Beeindruckend war der Vorrat an eisernen Geschützkugeln: Genau 22969 Kugeln verschiedenen Gewichts wurden "hinderm Schlos", also hinter dem Schloss, gelagert.

In einer sauberen und gut lesbaren Handschrift mit hervorgehobenen Initialen wird auf 75 unpaginierten und unfoliierten Seiten mit roter Farbe die Anzahl der inventarisierten Gegenstände notiert, während der Rest der erfassten Gegenstände in schwarzer Tinte erfasst wird. Dabei werden alle Objektgruppen genannt, die im weitesten Sinne der militärischen Nutzung zuzuordnen sind. Es handelt sich dabei um Hieb- und Schusswaffen der unterschiedlichen Kategorien wie Musketen und Kanonen inklusive der dazugehörigen Kanonenkugeln. Werkzeuge der verschiedenen Handwerker, die für das Militär arbeiteten wie Zeugschlosser, Wagner und Zimmerleute, wurden auch notiert.

Ausschnitt aus dem Inventar des Zeughauses in Kassel, 1594
Im Zeughaus lagerten auch 42 Trommeln für die damals wichtige Heerestrommler. Sie waren im Jahr 1586/87 von Hans Lach dem Älteren angekauft worden.

Zudem wurden Fahnen, aber auch Musikinstrumente wie Trommeln genannt. Im Schloss Friedrichstein in Bad Wildungen hat sich aus der Zeit des Landgrafen Moritz eine Landsknechtstrommel erhalten, die ebenfalls das Wappen des Landgrafen und das Kürzel „M.L.Z.H.“ trägt. Da aber im Inventar von 1594 bei den Trommeln festgehalten wurde, dass diese hier erfassten 42 im Jahr 1586 und 1587, also zu Lebzeiten des Landgrafen Wilhelm IV., gekauft wurden, muss es sich bei der Friedrichsteiner Trommel um eine spätere Anfertigung handeln. Auffallend ist jedoch, dass die auf der gleichen Seite aufgeführten 20 Fahnen je zur Hälfte rot-weiß und gelb-schwarz waren, also in den Landesfarben von Hessen und Württemberg. Es zeigt sich hier, dass auch der Inhalt des Inventars Rückschlüsse auf das herrschaftliche Selbstverständnis des Landgrafen Moritz zulässt, die bei genauerer Betrachtung weitere dynastische Verflechtungen präsentieren - etwa mit dem Kurfürsten von Sachsen. Ein frühneuzeitliches Inventar eines Zeughauses lieferte damit nicht nur eine Bestandsübersicht, sondern diente gleichzeitig auch der Herrschaftsrepräsentation.
Eva Bender, Marburg

Hessen-Suche