Eine Jacht für den Landgrafen

Kurioser Fund im Darmstädter Hausarchiv

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Schreiben von Erich Philipp von Ploennies an Landgraf Ernst Ludwig von Hessen Darmstadt, 1703 (HStAD Best. D 4 Nr. 360/1)
Kein Jagdschiff, sondern eine Jacht sollte Schreiben von Erich Philipp von Ploennies für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen Darmstadt in den Niederlanden bestellen (HStAD Best. D 4 Nr. 360/1)

Im Jahr 1703 befand sich der Ratgeber und Baudirektor Landgraf Ernst Ludwigs von Hessen-Darmstadt Erich Philipp von Ploennies (1672–1751) in Amsterdam und berichtete in einem ausführlichen Schreiben über seine Aktivitäten im Namen des Landgrafen (HStAD Best. D 4 Nr. 360/1). Ein Mikroskop wurde vor Ort angeschafft und französisches Papier. Darüber hinaus erwarb von Ploennies Kopien antiker Statuen, deren Original er sich niemals hätte leisten können, und fragte in Darmstadt an, ob denn auch der Landgraf Interesse habe, solche Kunstwerke zu erwerben. Besonders interessant aber ist die Rechnungslegung zur Anlegung einer Jacht, deren Modell und Konstruktion der Landgraf seinen Ratgeber mit nach Darmstadt zu bringen beauftragt hatte. Vermutlich beabsichtigte er mit diesem Schiff, den Rhein oder den Main zu befahren.

Herrschaftliches Binnenschiff auf dem Rhein, um 1800; Ausschnitt aus einer Karte von Andreas Trauttner (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 595 V)
Entwurfszeichnungen des geplanten Schiffs sind nicht überliefert. Einen ungefähren Eindruck von herrschaftlichen Rhein-Binnenschiffen vermittelt diese Illustration von Andreas Trauttner, 1750 (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 595 V

Doch von Plönnies musste die Erwartungen seines Dienstherrn dämpfen. Denn da denn Handwerkern in Amsterdam nicht klar war, ob das landgräfliche Projekt wirklich realisiert werden könne oder nicht doch eine der vielen Phantastereien Ernst Ludwig war, weigerten sie sich, ein Modell anzufertigen. Eine Rechnung aber legten sie vor, damit man sich in Darmstadt darüber klarwerden konnte, ob ein solches Schiff überhaupt in Frage käme.
Die Holzarbeiten, das Mast- und Tauwerk, die Anker, Kupfer- und Bleiarbeiten, die Segel, die Bildschnitzereien sowie die Vergoldung hätten alles in allem 15.000 fl. verschlungen – in Reichstalern 5000, wie von Ploennies vermerkte. Um alles auch im Detail nachvollziehbar zu machen, wurde auch der genaue Holzverbrauch angegeben, darunter insgesamt 12 Planken in der Länge von 75 Fuß und 1 ½ Fuß Breite, weitere 50 Planken, insgesamt 350 Dielen und 50 Balken. Den Gedanken des Landgrafen, eine Inrechnungstellung des Holzverbrauchs dadurch zu umgehen, dass er aus seinen eigenen Wäldern nach Fertigstellung der Jacht das verbrauchte Holz erstattete, lehnten die Niederländer rundweg ab. Gewiss hatten sie auch ihre Bedenken, dieses Restitutionsholz nie zu sehen und auf den Kosten sitzen zu bleiben.

Kostenvoranschlag für die geplante Jacht für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, 1703 (HStAD Best. D 4 Nr. 360/1)
Auszug aus dem Kostenvoranschlag für die geplante Jacht für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, 1703 (HStAD Best. D 4 Nr. 360/1)

Was aus dem Projekt wurde, ist leider nicht überliefert. Von Plönnies äußerte in dem genannten Schreiben noch die Hoffnung, die Kosten von 8000 Reichstalern auf 6400 drücken zu können. Doch selbst das war eine überaus hohe Summe, die der Landgraf nicht hätte aufbringen können. Denn selbst mit den reichen Amsterdamer Kaufleuten konnte er sich nicht messen. Bezüglich der genannten antiken Statuen schrieb von Ploennies, dass diese „mit den größten unkosten und mühe von den Vornehmsten und reichsten leüten alhier, nacher Amsterdam, sind geführet worden“. Und er legt damit nahe, dass das für den Landgrafen jenseits des Vorstellbaren gewesen wäre. Das dürfte bei der Jacht auch nicht anders gewesen sein.
Rouven Pons, Darmstadt

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