Karikaturenstreit 1947

Das Hessische Landeswappen und der Wiesbadener Kurier

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Humoristischer Entwurf des Wiesbadener Kurier für das neue Wappen des Landes Hessen, 1947
Humoristischer Entwurf des Wiesbadener Kurier für das neue Wappen des Landes Hessen, 1947

Im Frühjahr 1947 waren Diskussionen um die Gestaltung des Hessischen Landeswappens in vollem Gang. Zahlreiche Eingaben aus der Bevölkerung erreichten den Ministerpräsident des Landes – sei es mit Fragen, sei es mit Anregungen. Mit einem kleinen Artikel beteiligte sich auch der Wiesbadener Kurier am 26. April 1947.
Dort war zu lesen: „Vor vier Wochen rief das Kultusministerium von der Bierstaedter Straße aus alle deutschen Künstler (die politisch unbelastet sind) zu einem Wettbewerb auf, den es nicht alle Tage gibt: ein hessisches Staatswappen sollte entworfen werden. Für die besten Entwürfe wurden drei Preise von 500 bis 1500 Mark ausgesetzt. In drei Tagen müssen alle Entwürfe abgeliefert sein. In letzter Minute haben wir uns entschlossen mit in den Wettstreit zu treten.“ Darunter war recht konterbunt gemischter Entwurf zu sehen. Die Bildunterschrift erklärt den Sinn:
„So zieh’n wir über Stock und Stein
mit Zinnkann‘, Binder und ‘nem Koch
in diese Weltgeschichte ein.
Vielleicht gibt es ‚nen Trostpreis noch.“

Die Namen – und damit auch die Motive auf dem Wappen – bezogen sich auf Mitglieder des seit Januar 1947 amtierenden Kabinetts Stock: Ministerpräsident Christian Stock (Spazierstock auf dem Wappen), Kultusminister Erwin Stein (Stein, im Wappenfuß), Innenminister Heinrich Zinnkann (Kanne aus Zinn), Wirtschaftsminister Harald Koch (Kopf mit Kochmütze) sowie die Minister für politische Befreiung Gottlob Binder (Krawatte).

Dieser humoristische Beitrag fand jedoch keineswegs die Zustimmung des Staatsministeriums. Am 1. Mai drückte diese den Lizenzträgern des Wiesbadener Kuriers im Auftrag des Ministerpräsidenten ihr Befremden aus. Denn bei dem Anliegen der Landesregierung um die Schaffung eines Wappens handele es sich keineswegs „um eine gedankenlose Spielerei [...], bei der die Beteiligten die eigentlichen Aufgaben, die Not des Volkes zu bekämpfen, vergäßen.“ Durch Zusammenfügen verschiedener Landesteile sei in Bezug auf Stempel, Siegel und Amtsschilder ein solches Durcheinander entstanden, dass die „Rechtssicherheit des wirtschaftlichen Lebens“ gefährdet sei. Und schließlich: „Kein Mensch wird etwas gegen Karikaturen von Entwürfen einzuwenden haben, die unnatürlich oder sonstwie abwegig sind. Solche Karikaturen aber jetzt zu veröffentlichen, muß das Bestreben, neue Ideen zu finden, kränken und verletzen. Ich bitte Sie, das zur Kenntnis zu nehmen.“

Der Wiesbadener Kurier reagierte am 6. Mai, zumal sich die Zweitveröffentlichung desselben Wappens bereits im Druck befand. „Wir wissen nicht, wie bei Ihnen der Eindruck entstehen konnte, dass wir das Staatswappen als gedankenlose Spielerei empfinden. Der Zeichner hat lediglich daraus einen Scherz konstruiert, dass einige Namen von Kabinettsmitgliedern nicht nur Namen sind, sondern gleichzeitig Begriffe darstellen. Wir glauben nicht, dass ein ernsthafter Grund zur Beanstandung besteht, und wir hätten uns gefreut, wenn zur Vertreibung so kleiner Vögel nicht gleich so schwere Geschütze aufgefahren worden wären wie eine Rüge durch das Staatsministerium.“

In der Zeitung selbst war dann folgende ebenso spitze wie feine Gegendarstellung zu lesen: „Argus, unser Lokalchronist, hat in einer unserer letzten Ausgaben sich einen verspäteten Aprilscherz erlaubt. Er ist mit dem spaßhaften Entwurf eines hessischen Wappens in den ausgeschriebenen Wettbewerb eingetreten. Zu unserem Erstaunen mußten wir erfahren, daß sein spitzer Zeichenstift zart besaitete Gemüter ritzte und die patriotischen Gefühle einiger stolzen Hessen verletzte. Wir haben in der Beurteilung seiner Glosse den eigenen Maßstab angelegt und die Humorlosigkeit unserer Mitbürger unterschätzt. Wir können diesen gegen Zersetzung edler Gefühle so empfindlichen Gemütern nur empfehlen, die Karikaturen ausländischer Zeitungen vergleichend zu betrachten. Sie werden sich wundern und vielleicht lernen, nicht Scherz mit Kränkung zu verwechseln. Lachen gerade über eigene Dinge wirkt befreiend, und Freiheit – auch von kleinlicher Empfindlichkeit – ist nach einer Zeit, in der man nur auf Anordnung über böse Feinde lachen durfte, uns bitter nötig.“ (HHStAW Best. 502 Nr. 3996)
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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