Vor zweihundert Jahren: Die Karlsbader Beschlüsse

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Akteneinband "Carlsbader Conferenz-Protocolle"

Am 23. März 1819 war in Mannheim der Schriftsteller August von Kotzebue durch den Theologiestudenten Karl Ludwig Sand ermordet worden. Das schürte an den deutschen Höfen die ohnehin vorhandene Revolutionsangst.
Der nassauische Staatsminister Ernst Franz Ludwig Freiherr Marschall von Bieberstein wandte sich daher Ende Juli 1819 aus Karlsbad an den in Teplitz weilenden österreichischen Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich, um ihm über „demagogische Umtriebe in der Rheingegend“ Bericht zu erstatten. Er empfand es als besonders bedauerlich, dass Großherzog Ludewig I. von Hessen und bei Rhein bisher nicht dazu gebracht werden konnte, „ernstliche Maasregeln“ gegen die Häupter der „Unbedingten“ in Darmstadt und Gießen zu treffen. Damit waren Burschenschaftler gemeint, die in Opposition zum herrschenden politischen System standen. Dem Burschenschaftler Dr. Karl Follen als Leiter der „Unbedingten“ in Jena war direkt nach dem Attentat auch die Lehrerlaubnis entzogen bekommen, und er war nach Gießen und später nach Straßburg geflohen. Marschall von Bieberstein hatte über den preußischen Gesandten versucht, den Großherzog zu weiteren Schritten zu veranlassen, aber das war fruchtlos geblieben. Der Staatsminister hoffte daher, zumal auch der Frankfurter Magistrat nicht als Hardliner auftrat, auf einen Bundestagsbeschluss, der den „Muth der Schwachen“ endlich stärke. Solange die Unruhestifter in Deutschland „Freistätten“ fänden, so meinte er, könne das „Übel“ nicht behoben werden. In Nassau sah er die Lage nicht ganz so dramatisch, weil sich die Opposition hier nur auf einzelne Personen beschränkte. Er empfahl aber dringend eine Beobachtung des Kriminalrichters Johann Wilhelm Snell, der als Oppositioneller aufgefallen war und sich angeblich mit russischem Pass auf dem Weg nach Dorpat befand.

Metternich bedankte sich am 30. Juli 1819 für das Schreiben, weil es ihm noch einmal gezeigt habe, wie nötig es sei, dass sich die deutschen Regierungen enger zusammenschlössen. Andernfalls seien die deutschen Staaten von ihrem Untergang bedroht – und sie hätten dies selbst zu verantworten und selbst herbeigeführt. Er war sich sicher, dass eine Entscheidung nahe bevorstand: „Wenige Wochen werden genügen, um in die nächste Zukunft Licht zu werfen und zu bestimmen, ob die Sache der Vernunft oder jene der Revolution siegen wird.“
 

Karikatur auf die Karlsbader Beschlüsse
Karikatur auf die Karlsbader Beschlüsse

Tatsächlich kamen den Gegnern der Revolution noch die judenfeindlichen Hep-Hep-Unruhen vom 2. August 1819 zupass, so dass im August 1819 in einem Eilverfahren die Karlsbader Beschlüsse ratifiziert wurden. Damit sollte Revolutionsgefahr gebannt werden. Sie führten zur massiven Zensur der Presse und zur Einschränkung der Meinungsfreiheit, zur Entlassung der als national oder liberal eingestuften Professoren, zur Überwachung der Universitäten, der Schließung von Turnplätzen und zum Verbot der Burschenschaften. Neben der Korrespondenz Marschall von Biebersteins, der die Verhandlungen für Nassau begleitete (HHStAW Abt. 210 Nr. 8317), können die einzelnen Beratungen, die schließlich zu den Karlsbader Beschlüssen führten, anhand der im Hessischen Hauptstaatsarchiv überlieferten Verhandlungsprotokolle (HHStAW Abt. 210 Nr. 8316) minutiös nachvollzogen werden. Endgültig ratifiziert wurden die Beschlüsse am 20. September 1819 durch den Bundestag in Frankfurt.
Rouven Pons, Präsidialbüro Hessisches Landesarchiv

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