Mainzer Karneval löst Verstimmung aus

Eine Korrespondenz zwischen Hessen-Darmstadt und Nassau aus dem Jahr 1845

d_27_a_28-40 randlos.jpg

Russische Adelige in Fastnachtskostümen, 1873
Feierten selbst gerne Fastnacht: Russische Adelige in Fastnachtskostümen, 1873

Immer wieder können Fastnachtsaktivitäten auch zu politischen Irritationen führen. Eine kurze Korrespondenz aus dem Jahr 1845 gibt darüber Aufschluss (Hessisches Hauptstaatsarchiv Abt. 130 II Nr. 3311). Denn am 22. März 1845 wandte sich der großherzoglich-hessische Ministerpräsident Karl Freiherr du Bos du Thil vertraulich an den nassauischen Staatsminister Emil August Freiherr von Dungern, weil eine in der Kölnischen Zeitung bekannt gemachte Mainzer Fastnachtsaktion für einiges Aufsehen gesorgt hatte. In ihr war angeblich das Haus Nassau ebenso wie Russland verunglimpft worden, was in Großherzog Ludwig III. von Hessen große Verbitterung ausgelöst hatte. Denn bei einem Umzug soll Herzogin Elisabeth von Nassau, eine geborene Prinzessin aus dem Hause Romanow, herabgewürdigt worden sein. Sofort wurden Ermittlungen angestellt.

Die Ergebnisse erscheinen selbst etwas kurios: Der Artikel in der Kölnischen Zeitung sei durch einen jüdischen Tapezierer aus Wiesbaden lanciert worden. Dieser habe „das Manuscript, bevor es im Druck erschien, in einem Mainzer Bordell den Hausbewohnerinnen als ein Meisterstück“ vorgelesen. Wie du Thil schreibt, war dieser Text voller Unwahrheiten und bewusster Zuspitzungen.
Denn das Mainzer Karnevalskomitee sei, entgegen den Darlegungen des Tapezierers, an allem völlig unbeteiligt gewesen. Ihm war lediglich die Abhaltung eines Brautzuges zur Genehmigung vorgelegt worden. Auch die restlichen Honoratioren in Mainz sowie die sonstige Bevölkerung hatten von der Verunglimpfung des Hauses Nassau erst durch die Kölnische Zeitung erfahren. Denn es war wohl schon einige Phantasie nötig, den Umzug als politische Farce zu werten. Er war mit Zetteln „voll des baarsten Unsinns“ geschmückt, der bei einer absichtlichen Unterstellung auf Nassau oder Russland zu münzen war. Aber das schien Interpretationssache.

Du Thil riet daher von einer Verurteilung des Urhebers, des Sohns des Manufakturwarenhändlers Schachleiter, ab. „Über Carnevals-Freyheit haben sich in den katholischen Rheinstädten, nach dem Muster von Rom, ganz eigene Begriffe gebildet und Wurzel gefaßt. Man hält jeden Scherz oder Anspielung für erlaubt, man verlangt, daß jeder Schwank am folgenden Tag vergessen und nicht mehr die Rede davon seyn soll und die Privaten fügen sich in die Sitte.“ Richter würden daher Milde walten lassen, und ein Nachweis, dass die Schmähungen auf Nassau oder Russland gemünzt waren, sei ohnehin kaum zu erbringen. Ein Freispruch oder eine milde Strafe wären für den Herzog als Geschmähten aber eher „unangenehm“. Selbst die Rechtslage, den mit der Aufsicht über den Mainzer Karneval betrauten Polizeikommissar zu entlassen, war schwierig, weshalb weitere Untersuchungen anstanden.
Herzog Adolph ließ daraufhin mitteilen, „daß es am besten sey, von allen weitern gerichtlichen Maaßnahmen gegen den eigentlichen Thäter zu abstrahiren“ und auch den Polizeikommissar nicht zu entlassen. Die zwischenstaatlichen Verstimmungen waren damit wieder beigelegt und die Mainzer Karnevalisten, der Tapezierer und die Bordelldamen ohne Konsequenzen davongekommen.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

Die Fotoserie der russischen Adeligen in Fastnachtskostümen können Sie online im Archivinformationssystem Arcinsys einsehen: HStAD Bestand D 27 A Nr. 28/7-48

Hessen-Suche