Ein Karren namens Kaiser Wilhelm

Marketing eines Wiesbadener Transportunternehmers im Jahr 1898

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Königliche Namen zu Reklamezwecken (HHStAW Abt. 405 Nr. 6957)
Fand bei den Behörden wenig Anklang: "Die Verwendung der Namen und Porträts von Mitgliedern des Kgl. Hauses zu Reklamezwecken"

Die Namen bedeutender Persönlichkeiten aus der deutschen Geschichte wurden im 19. Jahrhundert immer wieder gerne zu Reklamezwecken eingesetzt. Sehr ungehalten reagierten allerdings das preußische Innenministerium und das Handelsministerium darauf, als das Wiesbadener Transportunternehmen L. Rettenmayer bei ihnen 1898 den Antrag stellte, ihre beiden neuesten Möbeltransportwagen nach Kaiser Wilhelm I. und der amtierenden Kaiserin Auguste Victoria zu benennen. Man war regelrecht entsetzt, „in welcher ungehörigen und geschmacklosen Weise oft die Verwendung der Namen und Porträts von Mitgliedern der Königlichen Familie durch Gewerbetreibende zu Reklamezwecken“ eingesetzt werde (HHStAW Best. 405 Nr. 6957). Die Benennung wurde durch das Ministerium des Königlichen Hauses untersagt. Weil aber aus Wiesbaden anschließend nichts mehr zu hören war, hakte Berlin wenige Wochen später nach, wie es denn um die Sache stehe. Und dabei kam Unerfreuliches ans Tageslicht.

Denn das Polizeipräsidium konnte mitteilen, dass der Spediteur Fritz Haagner, dem das genannte Transportgeschäft gehörte, seine 17 Transportwagen benannt hatte nach dem Dichterfürsten Goethe, Generalfeldmarschall Graf Moltke, dem Schriftsteller Friedrich Schiller, Reichskanzler Fürst Bismarck, dem Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing, Kaiser Barbarossa, Generalfeldmarschall Fürst Blücher, dem jüngeren Bruder Kaisers Wilhelm II. Prinz Heinrich, dem Dichter Theodor Körner, dem Schriftsteller Friedrich von Bodenstedt, dem Haus Hohenzollern, Kaiser Wilhelm, Kaiserin Auguste Victoria, dem Niederwald, dem berühmten Offizier Ziethen, Deutschland und Kaiser Friedrich III. Das sollte gewiss von großem Patriotismus zeugen. Die Ministerien waren aber entsetzt: Das Transportunternehmen hatte sich nicht nur über die Weisungen hinweggesetzt und die beiden neuesten Wagen nach dem verstorbenen Kaiser und der amtierenden Kaiserin getauft, sondern eigenmächtig weitere Benennungen vorgenommen, die als untragbar empfunden wurden. Das Polizeipräsidium wies an, alle Benennungen entfernen zu lassen – Prinz Heinrich, Kaiser Wilhelm, Auguste Victoria und Kaiser Friedrich sogar, wenn es sein musste, unter Androhung polizeilichen Zwangs.

Namen der Karren des Transportunternehmens Haagner (HHStAW Abt. 405 Nr. 6957)
Illustre Namen für Umzugswagen: "Göthe", Moltke, Schiller, Bismarck, Lessing, Barbarossa, Blücher, Prinz Heinrich, Körner, Bodenstedt, Hohenzollern, Kaiser Wilhelm, Kaiserin Auguste Victoria, Niederwald (!), Ziethen, Deutschland und Kaiser Friedrich III.

Vier Wochen später konnte das Polizeipräsidium melden, dass sich Haagner bereiterklärt hatte, die Namen Kaiser Wilhelm, Auguste Victoria, Prinz Heinrich, Kaiser Friedrich und Hohenzollern zu entfernen. Bei den anderen Namen aber legte die Polizeibehörde ein gutes Wort für Haagner ein. Diese Bezeichnungen fänden durch Gewerbetreibende allenthalben anstandslos Verwendung, weshalb nicht zu erklären sei, weshalb das hier nicht sein dürfe. Und außer den entfernten Namen habe er ja keine aus dem königlichen Haus verwendet. Das scheint die Berliner Regierung beruhigt zu haben, denn der Vorgang bricht hier ab.
So skurril diese Geschehnisse auch erscheinen mögen: Sie belegt, wie sehr bestimmte Personen bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu Marken geworden waren, deren sich das Gewerbe zu Reklamezwecken bediente. Einer der Wagen dürfte sogar noch zu seinen Lebzeiten nach Bismarck benannt worden sein. Und das machte schließlich auch vor den Königshäusern nicht Halt.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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