Kein Eis an Sonn- und Feiertagen!

Verbot und Vertrieb einer kulinarischen Spezialität

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Eisverkauf
Skizze zum Gesuch der Eheleute Lorenzo und Angela Cellini zur Aufstellung eines Eiswagens an der Ecke Gallusanlage/Kaiserstraße zwischen einer Straßenlaterne und einer Plakatsäule, 1901 (HHStAW Abt. 407 Nr. 633)

Im Jahr 1912 beschwerte sich die Speiseeis-Genossenschaft der Frankfurter Konditoren bei der Handwerkskammer, dass ihr das Polizeipräsidium Frankfurt den Straßenverkauf von Eis an Sonn- und Feiertagen untersagt habe. Lediglich der Verkauf in geschlossenen Gartenlokalen oder bei besonderen Anlässen wie etwa Festen und Kirchweihen war erlaubt, wofür jedoch stets eine gesonderte Erlaubnis einzuholen war. Die Konditoren wollten erreichen, dass ihnen der Sonntagsverkauf von Speiseeis „gleich den Limonaden in den Wasserhäuschen“ erlaubt würde, „weil es eine wichtige und ausgiebige Erfrischung für die Sonntagsspaziergänger, besonders in der Außenstadt darstellt und geeignet ist, mit dazu beizutragen, daß der Alkoholgenuß, besonders bei jugendlichen Personen, eingeschränkt wird.“ Zum Ärger der Konditoren war den italienischen Eisverkäufern mit ihren mobilen Eiswagen, die das Speiseeis überhaupt erst in Deutschland etabliert hatten, der Sonn- und Feiertagsverkauf durchaus gestattet.

Ein Blick in die Akten zeigt jedoch, dass die Frankfurter Polizeibehörde auch bei den italienischen Eisverkäufern sehr streng vorging. Zum Ende des 19. Jahrhunderts versuchte man, die wachsende Zahl von potentiellen Eisverkäufern einzudämmen und erteilte keine neuen Genehmigungen mehr, „da der Verkauf von Gefrorenem keine Berechtigung hat und erfahrungsgemäss meist Kinder die Abnehmer bilden, für welche darin mitunter eine Versuchung liegt, sich die Mittel hierfür auf unrechtmässige Weise zu verschaffen.“

Der Siegeszug der kalten Köstlichkeit ließ sich jedoch nicht mehr aufhalten, zumal andere Städte weitaus entgegenkommender waren. Wurde bis 1900 nur Benedetto Lombardi der Betrieb eines Eiswagen an der Schönen Aussicht in Frankfurt erlaubt, aber etwa dem Wiesbadener Konditor Pietro Gei eine Ausweitung seines Geschäfts auf Frankfurt verboten, stieg die Zahl der Genehmigungen nach der Jahrhundertwende deutlich an. Dabei standen weniger gesundheitspolizeiliche als vielmehr verkehrstechnische und marktpolizeiliche Überlegungen im Vordergrund. Man achtete genau darauf, dass die Eisverkäufer nicht mit anderen Kleinhändlern oder untereinander in Konkurrenz traten und dass sie den fließenden Verkehr bzw. Fußgänger nicht behinderten.

Dass den italienischen Eisverkäufern der mobile Verkauf gestattet, den Frankfurter Konditoren aber untersagt wurde, lag in der Reichsgewerbeordnung und ihren Ausführungsbestimmungen begründet. Der mobile Eisverkauf wurde ähnlich bewertet wie der saisonale Kleinhandel mit Blumen, gerösteten Esskastanien oder Tannenbäumen, wobei man eine eventuelle Bedürftigkeit der Verkäufer bzw. Verkäuferin, etwa Invaliden oder mittellose Frauen sowie die eventuelle Versorgung einer Familie berücksichtigte. Allerdings war auch der „mobile“ Eisverkauf stets nur auf einen Ort beschränkt, den der Verkäufer in seinem Antrag genau definieren, später sogar durch eine Skizze kenntlich machen musste.

Die in der Akte des Frankfurter Polizeipräsidiums erhaltenen Gesuche geben nicht nur interessanten Einblicke in die Ausbreitung einer einstmals exkulsiven Spezialität, sondern auch in die Lebensumstände der italienischen Eisverkäufer und ihrer Familien.
HHStAW Abt. 407 Nr. 633 Verkauf von Eis, Kastanien, Bücklingen, Wasser und Blumen sowie Fernrohrbenutzung
HHStAW Abt. 2001 Nr. 84 Speiseeis-Genossenschaft, Frankfurt am Main
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden