Die Kleinbahn Selters - Hachenburg

Überlieferung zu einer fast vergessenen Eisenbahnstrecke

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Plan einer dreifach gekuppelten Tenderlokomotive
Plan einer dreifach gekuppelten Tenderlokomotive (HHStAW Best. 3011/1 Nr. 3635 B)

Um 1900, als Express- und Luxuszüge die europäischen Metropolen verbanden und große, prachtvolle Bahnhöfe wie der Frankfurter Hauptbahnhof, die Gare du Nord in Paris oder der Zentralbahnhof von Mailand weithin bekannt waren, erregten Klein- und Nebenbahnen bei Weitgereisten oft nur ein mitleidiges Lächeln. Doch im ländlichen Raum waren sie für mehrere Jahrzehnte, häufig bis nach dem Zweiten Weltkrieg, das wichtigste Verkehrsmittel, bis die zunehmende Motorisierung und der aufkommende Individualverkehr den meisten Bahnen ein Ende bereitete.

So war es auch bei der im Jahr 1901 eröffneten Kleinbahn Selters - Hachenburg, die vor rund 60 Jahren stillgelegt wurde: eine etwa 23 Kilometer lange Bahnstrecke durch den dünnbesiedelten Westerwald, die seit jeher hauptsächlich für den Gütertransport, insbes. für Gesteine und Sande, gedacht war. Es mutet beinahe als Kuriosum an, dass zu dieser Bahn im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden eine umfangreiche Sammlung an Plan- und Kartenmaterial vorhanden ist (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3625 B bis 3639 B).

Die Planungen zur Kleinbahn begannen um 1895. Die Strecke sollte zwischen Selters (Anschluss an die Holzbachtalbahn Siershahn - Altenkirchen) und Hachenburg verlaufen, wo Anschluss an die Westerwald-Sieg-Bahn (Limburg - Altenkirchen - Au/Sieg) bestand. Als Haltestellen waren Rückeroth, Herschbach, Mündersbach, Höchstenbach und Hattert vorgesehen.

Geplante Strecke der Kleinbahn Selters-Hachenburg
Geplante Strecke der Kleinbahn Selters-Hachenburg (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3635 B)

Für die kurvige und bergige Strecke wurden ausführliche Höhenprofile gezeichnet. Die naturräumlichen Gegebenheiten bereiteten den Planern einige Mühe.

Höhenprofil zwischen der Gemarkung Mittelhattert und dem Haltepunkt Oberhattert
Höhenprofil zwischen der Gemarkung Mittelhattert und dem Haltepunkt Oberhattert (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3629 B).

Die Strecke querte den Holzbach, den Wiedbach und ein weiteres Bächlein, wofür Brücken errichtet werden mussten; an anderen Stellen sollten Durchlässe für die zahlreichen Mühlbäche und Bewässerungsgräben geschaffen werden.

Durchlass für einen Wasserlauf
Ein typischer Durchlass für einen Wasserlauf oder Mühlgraben. Jeder Durchlass auf der Strecke wurde einzeln geplant (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3632 B)

Bei Wahlrod sah man keine andere Möglichkeit, als den Wiedbach zu verlegen, d.h. zu begradigen. Der Bach floss nun parallel zur Bahnstrecke in einem Kanal entlang; der Haltepunkt wurde in einer der ehemaligen Bachschleifen errichtet.

Begradigung des Wiedbachs bei Wahlrod
Begradigung des Wiedbachs bei Wahlrod (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3635 B)

Die Bahnanlagen in Selters mussten um einen Abzweig Richtung Hachenburg erweitert werden. Für die Kleinbahn waren ein eigener Bahnsteig, ein eigenes Empfangsgebäude und eine eigene Ladestraße vorgesehen.

Geplante Erweiterung der Bahnanlagen in Selters
Geplante Erweiterung der Bahnanlagen in Selters/Westerwald (HHStAW Best. 3011/1 Nr. 3639 B)

Von den Zwischenhalten sollte lediglich in Herschbach einen eigenen Bahnhof erhalten: ein kleines zweistöckiges Haus, das wie ein Wohngebäude aussah. Im Erdgeschoss gab es ein Büro für den Bahnhofsvorsteher, einen Dienstraum mit Zugang zum Güterschuppen und Schalter und einen kleinen Warteraum. Darüber befand sich eine Wohnung mit zwei Zimmern und Küche. Für Reisende war immerhin eine kleine Gastronomie in Form eines „Buffets“ mit Durchreiche in den Warteraum vorgesehen, wohingegen man eine andere wichtige Einrichtung gestrichen hatte: Im ganzen Gebäude gab es keine Toiletten.

Plan des Bahnhofs Herschbach
Ansicht und Grundriss des Empfangsgebäudes in Herschbach (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3639 B)

In Herschbach sollte es auch eine Werkstatt für Lokomotiven und Wagen geben. Hierfür wollte man einen Lokschuppen errichten, an den ein Wasserturm angebaut war. Der Lokschuppen bot Platz für zwei Lokomotiven oder Wagen und hatte einen besonderen Raum für Ausbesserungsarbeiten. Eine Durchfahrt war nicht möglich.

Querschnitt von Lokschuppen und Wasserturm in Herschbach
Querschnitt von Lokschuppen und Wasserturm in Herschbach (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3625 B)

In Niederhattert musste die Lokomotive erneut Wasser aufnehmen. Statt eines hohen Wasserturms wollte man hier die Pumpanlage der Firma M. Neuhaus & Co aus Luckenwalde errichten, bei der Lokomotive aus einer Art Zisterne befüllt wird.

Wasserstationsanlage der Firma M. Neuhaus aus Luckenwalde
Plan der Wasserstationsanlage der Firma M. Neuhaus aus Luckenwalde für die Haltestelle Niederhattert (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3625 B)

Die Bahn war als Schmalspurbahn konzipiert. Als Betriebsmittel waren vorgesehen: „Drei dreiachsige Tenderlokomtiven von je 24 t Dienstgewicht, 2 Stück kombinirte Post- und Gepäckwagen, 4 Personenwagen, 40 offene, 5 bedeckte Güterwagen, 1 Etagenviehwagen, 3 Langholzwagen und 2 Streckenwärterwagen.“ Zu allen Lokomotiven und Wagen finden sich detaillierte Pläne in den Akten, von denen die technische Blaupause der Firma Henschel für die später ausgelieferte dreifach gekuppelte Nassdampf-Tenderlokomotive der beeindruckendste ist. Wir zeigen eingangs eine kleinere Zeichnung aus den ersten Planungen vor 1900. Die Lokomotive sollte mit einer Exter'schen Wurfbremse mit Bremsklötzen ausgestattet werden. Die Personen-, Post- und Gepäckwagen sowie die Hälfte der Güterwagen sollten eine über die Wagendächer geführte Heberleinbremse erhalten, die andere Hälfte eine Bremsleitung unter dem Wagenboden. Auch wenn sich die Bremstechnik heutzutage etwas abenteuerlich anhört, war die Bremsbarkeit aller Wagen um 1900 noch keine Selbstverständlichkeit.

Die Personenwagen hatten jeweils 2. und 3. Klasse; die 1. Klasse war nicht vorgesehen. Wie damals üblich, wurden die Wagen jeweils an den Enden über eine kleine Plattform betreten. In der 2. Klasse gab es gepolsterte Sitze und Zwischentüren, die 3. Klasse hatte Holzbänke. Die Sitzaufteilung war identisch: eine zwei- oder dreisitzige Bank, Mittelgang und Einzelsitz. Urspünglich war auch ein Ofen zur Beheizung vorgesehen; eine ebenso zeittypische wie gefährliche Einrichtung in den hölzernen Personenwagen.

Querschnitt eines Personenwagens
Querschnitt eines Personenwagens, Ausschnitt der 2. Klasse. Ganz links befindet sich die Plattform, über die der Wagen betreten wurde, rechts der säulenförmige Ofen. Die Wagen sollten mit Öllampen beleuchtet werden. (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3639 B)

Die hier gezeigten Pläne bieten nur einen kleinen Einblick in den Betrieb der Kleinbahn Selters-Hachenburg. Sie laden zu einer Reise in die Verkehrs- und Technikgeschichte, in der es noch viele weitere Details zu entdecken gibt.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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