Abt. 482 Kreisbauernschaft Hessen-Nassau-Süd online

Retrokonversion eines alten Findbuchs ermöglicht neue Forschungen

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Kreisbauernschaft

Zur Durchsetzung der ideologischen und agrarpolitischen Ziele und zur Erlangung vollkommener Kontrolle über die landwirtschaftliche Produktion vereinigten die nationalsozialistischen Machthaber im Jahr 1933 die bestehenden Landwirtschaftskammern und andere landwirtschaftliche Organisationen im Reichsnährstand. Das Gebiet des Deutschen Reichs wurde in Landesbauernschaften eingeteilt und diese wiederum in Kreisbauernschaften unter der Leitung von ehrenamtlichen Kreisbauernführern, denen die Ortsbauernschaften mit ihren Ortsbauernführern unterstanden. Die Landes- und Kreisbauernschaften übernahmen mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Durchführung der Ministerialerlasse zur Einrichtung der Kriegswirtschaft auf dem landwirtschaftlichen Gebiet und bildeten damit zugleich die Abteilung A der Kreisernährungsämter.
Zunehmende Konflikte zwischen Reichsnährstand und den Gauleitungen der NSDAP sowie den parteigebundenen Gauämtern für Agrarpolitik führten 1942 zu einer Entlassung des Reichsbauernführers Wather Darré und einer Unterstellung des Reichsnährstandes unter das Reichsamt für Agrarpolitik. Die Agrarpolitik wurde nun völlig durch die NSDAP kontrolliert.

Aufgrund der schwierigen Versorgungslage wurde der Reichsnährstand auch nach Kriegsende nicht aufgelöst, zumal vom Internationalen Militärgerichtshof in den Nürnberger Prozessen nicht als „verbrecherische Organisation“ eingestuft worden war. Erst nach der politische Neuordnung der Bundesländer und Einrichtung von Landwirtschaftsministerien bzw. Landwirtschaftskammern wurde die Auflösung durchgeführt; die Abwicklung zog sich allerdings bis 1973 hin und war erst im Jahr 2006 mit Aufhebung des Reichsnährstands-Abwicklungsgesetzes auch juristisch abgeschlossen.
Die zum 1. Mai 1934 errichtete Kreisbauernschaft Hessen-Nassau-Süd mit Sitz in Wiesbaden war der Landesbauernschaft Hessen-Nassau in Frankfurt unterstellt. Sie umfasste den Stadtkreis Wiesbaden, den Main-Taunus-Kreis, Obertaunuskreis, Untertaunuskreis, Rheingaukreis und den Kreis St. Goarshausen. Nach Kriegsende wurden die Landesbauernschaften wieder von den Landwirtschaftskammern übernommen; die Kreisbauernschaften wurden zu Kreisstellen (Kreisstelle Wiesbaden des Landesernährungsamtes I und der Landwirtschaftskammer).

Mitgliedskarte Kreisbauernschaft
Mitgliedskarte eines ehrenamtlichen Mitglieds der Landesbauernschaft Hessen-Nassau, mit Angabe der Mitgliedschaft in der NSDAP (HHStAW Abt. 482 Nr. 755)

Der im Hessischen Hauptstaatsarchiv aufbewahrte Bestand der Kreisbauernschaft Hessen-Nassau-Süd (Abt. 482) gelangte Anfang der 1950 und 1960er Jahre über die Landwirtschaftsämter Bad Homburg, Wiesbaden und Bad Schwalbach an das Staatsarchiv. Das bereits kurz nach Abgabe erstellte maschinelle Findbuch war jedoch aufgrund der verwendeten Abkürzungen, der veralteten Kurztitel im Stile von Karteikarten und der oberflächlichen Klassifikation nur bedingt zu verwenden. Bei der jetzt erfolgten Retrokonversion in die Online-Archivdatenbank Arcinsys wurden die Titel sprachlich modernisiert und eine sachthematische Klassifikation erstellt; zudem wurden rund 1 Meter Archivalien, die vor längerer Zeit aus Abt. 483 NSDAP Gau Hessen-Nassau und Gau Kurhessen in den Bestand überführt worden waren, nachverzeichnet.

Der Bestand umfasst etwa 20,5 Meter und enthält Schriftgut zur Organisation der Kreisbauernschaft einschließlich Personal wie etwa die Ortsbauernführer, zum Finanzwesen, zum Boden- und Grundstückswesen (inklusive Verkauf „jüdischen Grundbesitzes“), zu Schulungen und Pressearbeit und zu Wirtschafts-Fachverbänden. Ein Großteil der Akten befasst sich mit der Erzeugung, wobei die Hof- und Marktleistungskarten von besonderem Interesse sind, da sie statistisches Material zu Größe und Produktion der landwirtschaftlichen Betriebe enthalten. Zum Themenkreis „Landwirtschaftlicher Betrieb“ gehören sowohl die beantragten Unabkömmlich-Stellungen als auch der Arbeitseinsatz von ausländischen Zivilarbeitern bzw. Zwangsarbeitern. Ebenfalls von Bedeutung sind die ortsweise gegliederten Akten zu Erbhofangelegenheiten.
Für die Erforschung der NS-Agrarpolitik im Raum Nassau sind somit weitere Wege geöffnet.
Direktlink: Abt. 482 Kreisbauernschaft Hessen-Nassau Süd
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden