Kriegsgerät vom Christkind

Wunschzettel außen.jpg

Wunschzettel-Vordruck der Spielwarenhandlung D. Faix & Söhne in Darmstadt, um 1913 (außen)
Ein Wunschzettel-Vordruck "für das liebe Christkind" - für Spielwaren der Firma D. Faix & Söhne in Darmstadt, um 1913

Im Familienarchiv Wilbrand (Hessisches Staatsarchiv Darmstadt O 13 Nr. 1002) ist ein Wunschzettel von Fritz Wilbrand (1908–1989) aus der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg überliefert. Auf dem Titelbild ist das auf einem Esel reitende, bekrönte Christkind zu sehen, das einen Tannenbaum hält. Der Esel wird geführt vom Heiligen Nikolaus, der an seinem Sack mit Geschenken schwer zu schleppen hat. Adressiert ist das Stück an „das liebe Christkind im Himmel“.

Wunschzettel von Fritz Wilbrand, um 1913
Vor über 100 Jahren ganz normal: Zum christlichen "Fest der Liebe" wünschten sich kleine Jungen gerne Kriegsspielzeug. Das marschierende Engelchen mit Helm und Gewehr wirkt heutzutage besonders makaber.

So friedlich der Wunschzettel daherkommt, im Innern wird es kriegerisch. Denn dort hat der Junge – orthographisch und kalligraphisch noch sehr ungelenk – festgehalten, welches Spielzeug er sich wünscht:
- einen Säbel mit Koppel
- eine Trommel
- einen Artilleriezug mit Dreispänner und Kanonen
- einen feldgrauen Infanteriekasten
- einen Kasten mit Franzosen [französische Soldaten]
- einen feldgrauen reitenden Infanteristen [also wohl einen Kavalleristen]

Militärspielzeug gehörte für die Jungen in dieser Zeit zum Alltag, so dass die Wünsche nichts über den Charakter des Wünschenden aussagen. Diese Bedeutung von Kriegsspielzeug wird alleine schon dadurch offensichtlich, dass auch in dem vorgefertigten Briefkopf des Wunschzettels, den die Spielwarenhandlung D. Faix & Söhne in Darmstadt herausgebracht hat, unter anderem ein kleines Engelchen mit Helm und Gewehr paradiert. Auf der zweiten Seite sind eine Puppe und ein Spielzeugherd zu sehen – das waren die Spielwaren für Mädchen.

Wunschzettel, um 1913 (innen)
Friedlicher, aber einer starren Geschlechterrolle in Spiel und Zukunft entsprechend, war das abgebildete Spielzeug für Mädchen: Puppe und Herd.

Der Wunschzettel legt damit verschiedene Dimensionen offen. Er dokumentiert Geschlechterrollen in der Erziehung der Zeit um 1900, verdeutlicht die umfassende Militarisierung der Gesellschaft dieser Zeit, spiegelt aber auch die Verkaufsstrategien wider. Denn mit solchem Spielzeug wurde das Weltbild der heranwachsenden Jugend beeinflusst. Wenn sich der kleine Fritz einen Kasten französischer Soldaten wünschte, die als „Erbfeinde“ Deutschlands galten, kann man sich leicht ausmalen, wie die Spiele ausfielen. Der kleine Fritz wird sich dabei wenig gedacht haben, die Auswirkung aber für die heranwachsende Generation war beträchtlich.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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