Nicht gut gealtert

Kunststofffolien-Tests der Archivschule in den 1950er Jahren

Ultraphan-Proben aus HStAM Best. 502 Nr. 430_800.png

Ultraphan-Proben (HStAM Best. 502 Nr. 430)
Nicht gut gealtert: Ultraphan-Proben (HStAM Best. 502 Nr. 430)

Kunststofffolien im Archiv stellen ein Problem der Bestandserhaltung dar: Archivgut, dessen Trägermaterial aus Folien besteht, wie etwa Katasterkarten auf Astralon- oder Pokalonfolie, kann im Lauf der Zeit spröde werden und sich verfärben. In Behörden auch zum Schutz der Unterlagen verwendete Klarsichthüllen oder Klebeband können zudem das Papier angreifen und müssen oft mühsam im Prozess der Archivierung wieder entfernt werden.
Heute wird daher nicht mehr empfohlen, Papier und Pergament mit Kunststoffhüllen zu versehen, um sie vor Feuchtigkeit oder Schmutz zu bewahren – in den 1950er Jahren sah man dies auch in der Archivwelt ganz anders. Eine Ummantelung von Archivgut durch schützende Folien schien ein gangbarer Weg, diese dauerhaft konservieren zu können. Den Problemen, die sich im Lauf der Zeit ergeben konnten, wie zum Beispiel Verfärbungen, Verblockungen, Schrumpfung und Faltenbildung der Folien oder Mikroorganismenbefall unter der Laminationsschicht bei „eingeschweißten“ Papieren und Pergamenten, war man sich seinerzeit nicht immer bewusst. Heute muss man daher aufwendig die entstandenen Schäden beseitigen, wie im Fall des Stadtarchivs Neuss, dem 2012 von der Koordinierungsstelle zur Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes (KEK) Mittel zur Delaminierung von gefährdeten Hadernpapieren des 16. Jahrhunderts bewilligt wurden. (Ein Aufsatz von Marcus Janssens über das Projekt informiert sehr anschaulich über die Problematik: https://www.stadtarchiv-neuss.de/archivfachliches.html).

Der Archivschule Marburg war es bereits in den 1950er Jahren „angesichts der großen Zahl restaurierungsbedürftiger Akten“ ein großes Anliegen, in Erfahrung zu bringen, welche Folien und Kleber im Rahmen eines „maschinellen Einbettungsverfahrens“ infrage kommen könnten. Man suchte Kontakt zur nahegelegenen Philipps-Universität und schrieb verschiedene Forschungsinstitute, wie das Institut für Cellulose-Chemie an der Technischen Hochschule Darmstadt oder die Bundesanstalt für mechanische und chemische Materialprüfung in Berlin, an, übersandte Folien verschiedener Hersteller, bat um eine Überprüfung des Säuregehaltes und eine Einschätzung zu folgender Frage: „Uns liegt daran, eine Folie in Erfahrung zu bringen, die aller Voraussicht nach absolut alterungsbeständig ist und auch in 100 und mehr Jahren die in sie eingebetteten Papiere nicht schädigen wird.“ (HStAM Best. 502 Nr. 435)

Dr. Johannes Papritz, Direktor des Staatsarchivs und Leiter der Archivschule, und Dr. Wilhelm A. Eckhardt, Archivar am Staatsarchiv, reisten sogar zum Bayerwerk nach Dormagen und zu den Jagenbergwerken in Düsseldorf, um sich mit den dortigen Fachleuten über das Thema auszutauschen. Dabei wurde klar: PVC-Folien kamen wegen der Chlorwasserstoffabspaltung nicht in Frage; bei Celluloseactetat war auf die verwendeten Weichmacher zu achten. Rund 90 Fachleute der Papier- und Pergamentherstellung, Restauratoren, Vertreter von Firmen sowie Archivare diskutierten diese Themen anlässlich der „Archivtechnischen Woche“ der Archivschule vom 26.2. bis 1.3.1957. Gleichzeitig schaffte Papritz, um eigene Materialprüfungen durchzuführen, pH-Messgeräte, Erlenmeyerkolben und Wäscheklammern (!) für „Lichtalterungsversuche“ an, platzierte verschiedene Folien in einem Erlenmeyer-Kolben sowie kaschierte Karten einige Jahre an sonnigen Fenstern im Marburger Kartensaal, um zu beobachten, wie sich diese verhielten. Das Ergebnis ist heute Bestandteil der Akte und zeigt die Versprödungen und Verfärbungen.

Gestützt auf die amerikanische Untersuchung „Preservation of Documents by Lamination“ von William K. William und B.W. Forshee, begann man trotz fehlender Alterungsprüfung mit der Lamination akut von Zerfall bedrohter Archivalien in Celluloseacetatfolien „mittels beheizter Walzen am laufenden Band in der Kaschiermaschine K 42 der Maschinenfabrik Karl Hennecke“, wie Papritz 1959 schreibt. Dies sei vor allem bei den bedrohten Archivalien der Fall, bei denen wegen des Umfangs „eine handwerkliche Einbettung in die gebräuchlichen Restaurierungspapiere“, wie Japanpapier, Pergamin oder Seidenchiffon, nicht möglich sei. (HStAM Best. 502 Nr. 444)

Der Restaurator des Marburger Staatsarchivs, Ludwig Ritterpusch, bezeichnete dieses Vorgehen 1987 rückblickend im „Archivar“ als einen Fehler: „Mit vielversprechender Werbung wurden die Kunststofffolien in die Restaurierung eingeführt, Warnungen wurden damals beiseitegeschoben oder die Verwendung von Kunststofffolien für unbedenklich gehalten.“ Möglicherweise war das Ergebnis der Untersuchungen in den ersten Versuchsjahren noch nicht so eindrücklich wie heute, 65 Jahre später.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

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