Seltene Überlieferung: Kupferplatte und Abzug

Karte der Grafschaft Saarwerden aus dem 18. Jahrhundert

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Kupferplatte einer Karte der Grafschaft Saarwerden
Druckvorlage für einen Kupferstich: Karte der Grafschaft Saarwerden (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3684 H)

Die Technik des Kupferstichs ist schon seit dem Spätmittelalter bekannt: In eine polierte Kupferplatte wird mit einem Grabstichel eine zuvor seitenverkehrt aufgebrachte Zeichnung eingeschnitten. Zum Druck wird die Platte mit Farbe eingerieben, um die Vertiefungen zu füllen, und anschließend ihre Oberfläche wieder abgewischt. Beim Druck in der Presse wird die nur noch in den Vertiefungen vorhandene Farbe auf den Papierbogen übertragen (Tiefdruckverfahren).
Kupferstiche gehörten zu den ersten „Massenmedien“, die ab dem 16. Jahrhundert eine weite Verbreitung fanden. Nicht nur Kunstwerke oder Stadtansichten, sondern auch Flugschriften und sog. „Nachrichtenbilder“ – bildlich dargestellte historische oder aktuelle Ereignisse, v.a. Schlachten – konnten nun preisgünstig hergestellt und schnell „unters Volk“ gebracht werden. Doch die Lebensdauer der Druckplatten war begrenzt: Nach rund 600 Abzügen ließ die Qualität merklich nach, so dass das Motiv nach der zeichnerischen Vorlage auf einer frischen Platte nachgestochen werden musste. Je häufiger das Motiv nachgestochen wurde, desto schlechter wurde oftmals die künstlerische Qualität. Alte Druckplatten wurden i.d.R. eingeschmolzen und sind nur in Ausnahmefällen erhalten.

Karte der Grafschaft Saarwerden
Der Abzug der Kupferplatte: Karte der Grafschaft Saarwerden, ca. Mitte 18. Jahrhundert, vermutlich nach älterer Vorlage

Eine solche Ausnahme befindet sich im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden: Von einer Karte der Grafschaft Saarwerden ist sowohl die Druckplatte als auch ein zeitgenössischer Abzug erhalten (HHStAW Abt. 3011/1 Nr. 3684 H, mit Digitalisat). Warum gerade dieses Stück die Zeiten überdauert hat, lässt sich nicht sagen. Als Kupferstecher ist David Custodis angegeben; die Entstehungszeit liegt vermutlich in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Auch wenn der Stich sorgfältig gearbeitet ist, erscheint die Ausführung geradezu naiv. Ortschaften sind nur durch eine Art Turm- oder Kirchensymbol gekennzeichnet – je größer der Ort, desto mehr Türme - , die Wälder durch schematische Laubbäume, deren Schatten mal nach links, mal nach rechts fällt. Interessant sind die zahlreichen Weiher in der linken unteren Ecke, möglicherweise künstlich angelegte Fischteiche.

Kupferplatte der Karte der Grafschaft Saarwerden (Ausschnitt)
Die Schrägansicht lässt die Gravuren in der Kupferplatte plastisch wirken.

Die Darstellungsweise und Beschriftungen lassen vermuten, dass eine ältere, vielleicht handgezeichnete Karte nachgestochen wurde: Der Hinweis „neu erbauwt“, der bei etlichen Orten vermerkt ist, verweist auf die Wiederbesiedlung bzw. Neuerrichtung von Orten nach dem Dreißigjährigen Krieg; allerdings ist das 1701 gegründete Neu-Saarwerden (gegenüber von Bockenheim) noch nicht eingezeichnet. Rätselhaft ist die Aufschrift in der rechten Ecke: „War mit mann weder sich selbsten nach iemandt anders im geringsten praeiudiciert, sonder alle in die situation unnd beschaffenheit der Graffschaffft etwas für augen stellen wollen.“ Entweder David Custodis selbst oder der Kartograph der Vorlage wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er die Karte nicht wegen eines Rechtsstreits erstellt hatte – bis weit in die Frühe Neuzeit der Hauptgrund für die Anfertigung von Karten - , sondern „einfach so“, um die Beschaffenheit der Grafschaft Saarwerden darzustellen. Möglicherweise hat der Kupferstecher (oder der Kartograph) die Karte als eine Art Werkprobe angefertigt und sich damit um eine Stelle oder einen Auftrag beworben, was die Überlieferung im Archiv erklären könnte.

Kupferplatte einer Karte der Grafschaft Saarwerden (Ausschnitt)
Die "Hauptstadt" der Grafschaft Saarwerden: Bockenheim (jetzt Sarre-Union)

Gerade die einfache Ausführung der Karte laden zu einem Spaziergang in die Vergangenheit und ins Nachbarland ein: Die Grafschaft Saarwerden lag ungefähr im heutigen Kanton Ingwiller im französischen Département Bas-Rhin.
Da die Karte nicht genordet ist (Westen ist oben), empfiehlt sich, in Arcinsys die Bild-Drehfunktion des Digitalisate-Viewers zu verwenden.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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