Zur Kur in Bad Weilbach - Archivgut entwirft ein düsteres Bild

Brunnen alt.jpg

Faulborn in Bad Weilbach, 1972 (HHStAW Abt. 3008/13 Nr. 64)
Der Faulborn in Bad Weilbach vor der Umgestaltung, 1972 (HHStAW Abt. 3008/13 Nr. 64)

Archivgut ist authentisch. Dieses Schriftgut in seiner Authentizität zu überliefern und Interessierten entsprechend gesetzlicher Regelungen zugänglich zu machen, gehört zu den Kernaufgaben von Archivarinnen und Archivaren. Und sie halten – völlig zu Recht – große Stücke darauf, Hüter dieser Authentizität zu sein.

Erzherzog Stephan von Österreich (1817-1867)
Erzherzog Stephan von Österreich (1817-1867), aus: Die Gartenlaube, 1864


Freilich muss das nicht immer bedeuten, dass es wahr oder gar objektiv ist, was in den überlieferten Schriftstücken zu lesen ist. Die Korrespondenz Erzherzog Stephans von Österreich (1817–1867) ist dafür ein gutes Zeugnis. 1865 wurde er – lungen- und magenkrank – von Schaumburg an der Lahn, wo er nach seiner während der 1848er Revolution gescheiterten Amtszeit als Palatin von Ungarn im Exil lebte, nach Bad Weilbach geschickt. In dem Ort zwischen Flörsheim und Eddersheim waren 1783 Schwefelquellen wiederentdeckt worden. Ab den 1830er Jahren entstanden unter nassauischer Verwaltung das Kurhaus, das Brunnenhaus sowie eine Parkanlage. Die Gebäude sind in schlichter klassizistischer Manier gehalten. In den 1890er Jahren kam der Badeort dann schon wieder aus der Mode, so dass die Anlage heute fast einzigartig in der Erhaltung einer Kurarchitektur des frühen 19. Jahrhunderts ist.

Kurhaus/Kurklinik in Bad Weilbach, 1972
Das alte Kurhaus, damals Kurklinik, in Bad Weilbach, 1972 (HHStAW Abt. 3008/13 Nr. 51)

Dafür hatte Erzherzog Stephan, der noch im Vorjahr in Kurorten wie Schwalbach oder Kissingen mit zahlreichen gekrönten Häuptern zusammengetroffen war, keinen Blick. Schon bevor er nach Weilbach ging, schrieb er an den nassauischen Pädagogen Kehrein, er solle dort durch „sterbliche Langeweile kurirt“ werden. Man habe ihm sogar erzählt, dass dort bereits drei Kurgäste vor Langeweile gestorben seien. Dem Architekten Boos übermittelte er, man könne nicht dorthin geschickt, sondern nur „condemnirt“ – also verdammt – werden. Außerdem bestehe das Bad nur aus drei Häusern, so dass es kein Entrinnen gebe: Äskulap habe ihn also „direkt in seinen Krallen.“
Mitte Juli machte er sich dann auf den Weg nach Weilbach, das ihm klimatisch, landschaftlich und gesellschaftlich überhaupt nicht zusagte. Zwar habe er – immerhin – einen intelligenten Brunnenarzt gefunden, „sonst erscheint die Existenz in diesem Schmackerlbade [aber] eine wahrhaft trostlose. Drei Häuser mit circa 60 Curgästen, eine Gesellschaft, so gemischt wie Spülichwasser aus einer großen Herrschaftsküche, und nichts wie Hustende und Spuckende! Was mir dann am meisten abgeht, sind die Berge, nichts als furchtbare Ebene, wallendes Getreide, jetzt Stoppelfelder, und wenn die Sonne sticht, eine Hitze, um darob zu Grunde zu gehen!“ Kurzum: es sei „das gräßlichste Bad Nassau’s, vielleicht ganz Deutschlands“.

Stoppelfeld bei Bad Weilbach
Die Stoppelfelder bei Bad Weilbach gibt es noch heute, die Hitze auch (Juli 2019)

Etwas versöhnlicher klingt es dann erst in der zweiten Augusthälfte, nach seiner Rückkehr. Da konnte der Erzherzog zumindest anmerken, dass ihm die Kur gutgetan habe und die Lungentuberkel angeblich verschwunden seien. Lediglich das Magen- und Nervensystem sei weiterhin leidend, wofür dann eine Kur in Franzensbad Abhilfe schaffen sollte. Auch dort – wie auch später in Bozen – war er aber unzufrieden und mäkelig.

Faulborn in Bad Weilbach, 2019
Der Faulborn in Bad Weilbach mit dem im Jahr 1983 neugestalteten Brunnenstein und Brunnenpavillon. (Juli 2019)

Es ist stark davon auszugehen, dass diese sehr subjektive Sicht auf Dinge weniger mit Bad Weilbach zu tun hatte als mit des Erzherzogs psychischer und physischer Befindlichkeit. Aber es ist eben auch ein sehr authentisches Zeugnis der Weltwahrnehmung in all seiner Subjektivität. Um dies auf seine Relevanz hin zu befragen, ist die historische Quellenkritik unerlässlich. Dass wir aber heute noch diese ganz individuelle Sicht auf Bad Weilbach nachvollziehen können, ist das große Verdienst der Archive.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

Ehemaliges Kurhaus in Bad Weilbach
Doch ganz idyllisch: Das ehemalige Kurhaus in Bad Weilbach, jetzt Privatwohnungen (Juli 2019)

Hessen-Suche