Was ist eigentlich…? Seltsame Begriffe im Archivgut

Lange und Kurze Hessen

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Karte der Hohe Straße von Fulda nach Hanau mit Verbindungen nach Hersfeld, Steinau und Lauterbach mit den einzelnen Ortschaften, 1783 (HStAM Best. Karten Nr. P II 10559, Ausschnitt)
Karte der Hohe Straße von Fulda nach Hanau mit Verbindungen nach Hersfeld, Steinau und Lauterbach mit den einzelnen Ortschaften, 1783 (HStAM Best. Karten Nr. P II 10559, Ausschnitt)

Befasst man sich mit Urkunden, Amtsbüchern, Akten und Karten aus den Beständen des Hessischen Landesarchivs, liest man mitunter Begriffe, die man so vorher noch nicht gehört hat und die man erst nachschlagen muss, um sie zu verstehen. In loser Folge wollen wir Ihnen im Newsletter des Hessischen Landesarchivs einige solcher Begriffe vorstellen und erläutern.

Dabei wollen wir Sie als Leserinnen und Leser ausdrücklich ermuntern, uns Begriffe zuzusenden, über die Sie selbst einmal beim Archivalienstudium „gestolpert“ sind. Wir freuen uns auf Ihre Fundstücke!
Kontakt: pressestelle@hla.hessen.de

Den Anfang machen die „langen“ und die „kurzen“ Hessen. Was verbirgt sich dahinter? Besonders „lange Kerls“, die in hessischen Regimentern gedient haben? Eine Schnapsspezialität aus Oberhessen? Weit gefehlt…

Was sind eigentlich… die „langen“ und die „kurzen" Hessen?

Im Herzen Mitteleuropas gelegen, war Hessen von jeher ein Land mit viel Durchreiseverkehr. Was also heute auf den Autobahnschildern zu lesen ist, galt schon vor Jahrhunderten: „An Hessen führt kein Weg vorbei!“ Im heutigen Netz von Autobahnen und Bundesstraßen sind teilweise die alten Fernverbindungen noch gut erkennbar.
Als „Hohe Straßen“ verliefen die Fernstraßen, die sich zum Teil aus dem römischen Straßenbau entwickelt hatten, bis ins Mittelalter hinein auf den Höhenrücken, etwa die Via Regia, die vom Rhein bis nach Breslau/Wrocław führte.

Karte der Hohe Straße von Fulda nach Hanau; Abschnitt zwischen Aufenau und Schlüchtern (HStAM Best. Karten Nr. P II 10559)
Karte der Hohe Straße von Fulda nach Hanau; Abschnitt zwischen Aufenau und Schlüchtern (HStAM Best. Karten Nr. P II 10559)

Die „langen“ und die „kurzen Hessen“ stellten Handelsverbindungen zwischen den bedeutenden Messestädten Frankfurt und Leipzig dar und waren die wichtigste West-Ost-Verbindung in Hessen. Dabei führten die „langen Hessen“ von Frankfurt aus über Butzbach (dieses Teilstück parallel zur „Weinstraße“, die nach Norddeutschland führte), weiter über den Ebsdorfer Grund, Kirchhain, Treysa, Homberg an der Efze, Waldkappel und Eisenach nach Leipzig. Um zum Religionsgespräch 1529 nach Marburg zu kommen, wurde diese Route von Luther und Melanchthon genutzt. Die „kurzen Hessen“ – kürzer zwar, doch für schwerere Fuhrwerke weniger gut geeignet – zweigten in Friedberg nach Grünberg ab und führten über Alsfeld, Hersfeld und Friedewald nach Eisenach – auf dieser Route reiste Luther 1521 zum Reichstag nach Worms.
Ein beliebter Rastplatz entlang der „kurzen Hessen“ war das sogenannte „Nadelöhr“ im Seulingswald am Abschnitt zwischen Friedewald und Hönebach, ein 1561 errichteter niedriger torähnlicher Steinaufbau. Angeblich begünstigte das Hindurchkriechen die Heilung von Krankheiten.

Das "Nadelöhr" bei Friedewald, 1911 (LAGIS)
Das "Nadelöhr" bei Friedewald, 1911 (LAGIS, Historische Bilddokumente, Nr. 63-188))

Karten, welche die Route der langen und kurzen Hessen darstellen, sind eher in aufbereiteter Form in der Literatur zu finden. In den Abteilungen des Hessischen Landesarchivs sind insbesondere Akten zum Geleit an diesen Wegen archiviert. Das Geleit als Gewährleistung der Sicherheit für Reisende auf den Straßen durch bewaffnete Geleitsreiter oder durch Geleitbriefe, das durch den König, später auch den Landesherrn oder andere Berechtigte ausgeübt wurde, hatte sich bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts ausgebildet. Die Gegenleistung, das Geleitsgeld, ist nicht mit anderen Abgaben wie etwa dem Zoll zu verwechseln, doch steht mit diesem in engem Zusammenhang, diente doch beides dem sicheren Handel und Reisen auf Straßen und Brücken, die gut instandgehalten wurden.

Geleitbrief des Landgrafen Georg für die niederhessische Ritterschaft, 1637 (HStAM Best. 340 Dörnberg Nr. 3545)
Geleitbrief des Landgrafen Georg für die niederhessische Ritterschaft, 22. Dezember 1637, mit der Anweisung, diese und ihre Diener „aller orte frey, sicher und ohnangefochten passieren und repassieren“ zu lassen. (HStAM Best. 340 Dörnberg Nr. 3545)

Da es auf den „kurzen Hessen“ öfter zu Raub und Überfällen kam, schaffte Philipp der Großmütige 1549 dort das „große Geleit“ wegen der hohen Kosten ab und gewährte es nur noch aus besonderen Gründen. Die Kaufleute wurden angewiesen, die längere Route zu nutzen, wogegen sich Widerstand regte: Auf den kurzen Hessen seien die Straßen besser und die Herbergen bequemer. Man nutzte die Route trotzdem und bewaffnete sich selbst oder wählte Alternativrouten, etwa über Fulda und Vacha. Landgraf Wilhelm IV. lenkte ein; vom 24. Oktober 1568 datiert der Vertrag mit dem Rat der Stadt Leipzig, dass die Kaufleute durch die kurzen Hessen gegen einen Gulden Geleitsgeld reisen durften; die Wagen mit den Messegütern jedoch die „langen Hessen“ passieren sollten (HStAM Best. 4 f Staaten S Nr. Kursachsen 549).

Wenn sie nicht durch heutige Land- oder Bundesstraßen „überlagert“ sind, dienen viele der alten Straßen durch Hessen heute als Wanderwege. So kann man beispielsweise auf der Birkenhainer Straße, einer ehemals bedeutenden Heerstraße und Teil der Handelsverbindung zwischen Brabant und Konstantinopel, auf den Spuren der Räuber durch den Spessart streifen.
Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

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