Zufälliger Tod in Wiesbaden

Der Sterbeeintrag der Prinzessin Luise von Belgien vom 3. März 1924

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Luise von Belgien als junge Frau
Luise von Belgien als junge Frau (HStAD Best. O 3 Nr. 345/98)

Am 3. März 1924 erschien der Schreinermeister und Inhaber der Beerdigungsanstalt „Pietät und Friede“ Adolf Limbarth auf dem Wiesbadener Standesamt, um anzuzeigen, dass im Hotel Nassauer Hof („Kaiser Friedrich Platz 3/4“) die in Paris wohnhafte Prinzessin Luise Maria Amalie von Sachsen-Coburg-Gotha am 1. März um 14:30 Uhr im Alter von 66 Jahren verstorben sei. „Der Anzeigende erklärte, von diesem Sterbefalle aus eigener Wissenschaft unterrichtet zu sein“, heißt es im Standesamtsnebenregister Nr. 353, das im Hessischen Personenstandsarchiv überliefert ist (HStAM Best. 925 Nr. 2837). Darüber hinaus wurde festgehalten, dass die Prinzessin in Brüssel geboren worden war, als Privatiere lebte und mittlerweile geschieden war. Die Dimension dieses Lebens aber kann dieser Sterbeeintrag nicht erfassen. Diese wird eher in den zahlreichen Nachrufen deutlich.

Sterbeeintrag der Luise von Belgien
Sterbeeintrag der Luise von Belgien. Der Tod wurde vom Schreinermeister und Sargmacher Adolf Limbarth gemeldet.

Die sozialdemokratische Zeitung „Arbeiterwille“ (Steiermark) schrieb am 4. März 1924 „Sie war ohne Zweifel eine begabte Person; in der Nichtigkeit des höfischen und prinzlichen Lebens konnte sich ihre Lebensenergie freilich nur in Auflehnungen gegen ihre Umgebung entladen.“ In solchen Stellungnahmen wurde die Prinzessin zur antimonarchistischen Identifikationsfigur. Boulevardblättern der Zwanziger Jahre hingegen stilisierten sie zum Opfer des Wiener und Brüsseler Hofes und zu einer Person, die für die große Liebe alles geopfert habe. Sie habe „den ganzen Kreis menschlichen Schicksals durchmessen.“ Ihr Leben wurde zum Roman erklärt, der im Nachruf der „Biebricher Tagespost“ aus Verschwendung und ungezügelter Schuldenmacherei bestand: 400 Paar Schuhe habe sie besessen, viele Hunderte von Hüten, sehr wertvolles Pelzwerk und sie habe in hohem Maß die Kunst beherrscht, „Gläubiger zu finden“.

Was steht hinter diesen Einschätzungen? Luise von Belgien war 1858 als Tochter des belgischen Königs Leopold II. und der Erzherzogin Marie Henriette von Österreich geboren worden. 1875 wurde sie mit Philipp von Sachsen-Coburg-Gotha vermählt. Das Paar siedelte nach Wien über, wo die Prinzessin bald als eine der mondänsten Frauen der Wiener Gesellschaft galt. Nach mehreren außerehelichen Affären wurde ihre Beziehung zu dem Offizier Geza von Mattachich öffentlich gemacht und Luise vom Wiener Hof verbannt. Sie lebte fortan mit ihm zusammen und machte, in der Hoffnung auf das reiche väterliche Erbe, enorme Schulden. Kaiser Franz Joseph von Österreich ließ sie deshalb in eine psychiatrische Privatanstalt einliefern. Sie wurde entmündigt und schließlich in ein privates Institut nach Coswig in Sachsen transferiert. Der öffentliche Druck aber auf das Kaiserhaus war enorm, insbesondere durch die Memoiren Mattachichs und die darauf erfolgten Pressereaktionen. Trotz ständiger Überwachung konnte das Paar schließlich nach Frankreich fliehen. Es folgte die Ehescheidung, die Verstoßung durch das belgische Königshaus sowie das Verbot, jemals wieder Belgien zu betreten. Ihre Hoffnung auf reiche Geldzahlungen aus dem väterlichen Erbe erfüllten sich nur zu einem geringen Teil.

Luise kehrte nach Österreich zurück, wurde dann in Ungarn wegen Spionage zum Tode verurteilt, aber schließlich doch begnadigt. Geldforderungen des Parkhotels Schönbrunn in Höhe von 130 Mio. Kronen anlässlich ihres dortigen Aufenthalts wurden von ihr nie beglichen. Mit Mattachich kehrte sie nach Paris zurück, wo dieser 1923 verstarb. Ihren notdürftigen Unterhalt verdiente sie sich durch Klavierunterricht. 1921 wurde ihre schonungslose Abrechnung mit dem Wiener Hof und der höfischen Gesellschaft „Autour des trônes que j’ai vu tomber“ veröffentlicht, die im selben Jahr auch in London und New York als Skandal- und Enthüllungsbuch herauskamen. In Deutschland erschien das Buch unter dem Titel „Throne, die ich stürzen sah“ erst 1926, 1927 in einer zweiten Auflage. 1927 wurde ihr Leben auch auf Grundlage des Buches „Louise von Coburg. Um Krone und Stand“ von Adolf Sommerfeld verfilmt (Bundesarchiv B 85363-1).

Grab von Luise von Belgien auf dem Südfriedhof in Wiesbaden
Grab von Luise von Belgien auf dem Südfriedhof in Wiesbaden

Als die kranke und durch den Tod Mattachichs trauernde Prinzessin Luise in Begleitung zweier Vertrauten im französisch besetzten Wiesbaden ankam, war sie also nach wie vor eine öffentliche Person, an die sich Erwartungen und Befürchtungen knüpften. Nach wenigen Wochen Aufenthalt verstarb sie im Hotel Nassauischer Hof an Lungenentzündung und Herzlähmung – wie die Sterbeprotokollregister im Wiesbadener Stadtarchiv belegen. Beigesetzt wurde Prinzessin Luise auf dem Wiesbadener Südfriedhof in einer viertelstündigen Zeremonie in Anwesenheit von ca. 30 Personen, darunter ihrer Tochter, die Herzogin Dorothea von Schleswig-Holstein. Anwesend waren in Wiesbaden lebende Belgier und eine Trauerabordnung der belgischen Besatzungsbehörde. Das Grab mit dem schlichten Grabstein, der ihren Geburtsnamen trägt, ist bis heute auf dem Südfriedhof erhalten.

Die meisten Besucherinnen und Besucher dürften am Grab auf dem Wiesbadener Südfriedhof vorübergehen, ohne etwas von diesem bunten und von öffentlichen Skandalen erschütterten Leben zu ahnen. Und auch der Sterbeeintrag lässt solche Rückschlüsse nicht zu. Daraus wird aber deutlich, welch vielfältiges Leben in den Dokumenten des Personenstandsarchivs verborgen sind. Es gilt nur, nach ihnen zu sehen.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv
Mein Dank gilt Frau Anja Schuhn vom Wiesbadener Stadtarchiv für ihre freundliche Unterstützung.

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