Geheimdienstberichte über Deutschland

Archivalien der Mainzer Zentraluntersuchungskommission im Hessischen Landesarchiv

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Band eines Untersuchungsberichts der Mainzer Kommission
Band eines Untersuchungsberichts der Mainzer Kommission

Mit seinen über 60 – großteils dickleibigen – Bänden ist die Überlieferung mit Vorträgen und Berichten der Mainzer Zentraluntersuchungskommission aus den Jahren 1819 bis 1836 im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Abt. 210 Staatsministerium Nr. 12531–12592 besonders umfangreich. Ergänzt werden kann sie durch 26 Berichtsbände im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt G 1 Staatsministerium Nr. 140/2 bis 143/9, die zwar in geringerer Zahl überliefert sind, aber die Wiesbadener Lücken weitgehend schließen können (Band 4–5, 7, 11–12, 15, 18–19, 26 und 35). Es überrascht, dass diese Quellenbasis abgesehen von der Heranziehung bei konkreten Einzelfragen noch nie in toto ausgewertet oder gar ediert worden ist. Denn sie bietet, wie es bei Geheimdienstakten zumeist der Fall ist, nicht nur einen Einblick in die Spitzeltätigkeit, sondern vermittelt ein breites gesellschaftliches Panorama.

Titel des Untersuchungsberichts "Über das politische Treiben zu Berlin"
Titel des Untersuchungsberichts "Über das politische Treiben zu Berlin"

Die Mainzer Zentralkommission zur Untersuchung hochverräterischer Umtriebe, wie sie offiziell hieß, wurde nach den Karlsbader Beschlüssen auf Betrieben des österreichischen Staatskanzlers Metternich 1819 in Mainz eingerichtet. Sie sollte jeglichen Bestrebungen auf die Schliche kommen, die als Gefährdung der bestehenden Ordnung angesehen wurden. Um dies zu ergründen, reichen die Berichte auch deutlich über den genannten Zeitraum hinaus und leiten Entwicklungen aus der napoleonischen Epoche her. Ihre Bedeutung unterstreicht auch, dass einige der dickleibigen Bände in einer lithographischen Form vervielfältigt wurden.

Titel des Untersuchungsberichts "Über die politischen Umtriebe und Vereine auf der Universität Jena"
Titel des Untersuchungsberichts "Über die politischen Umtriebe und Vereine auf der Universität Jena"

Besonders in den Fokus gerieten die Burschenschaften und mit ihnen in Verbindung stehende Professoren. Treffen der Burschenschaftler werden beschrieben, Schriftsteller und Professoren wie zum Beispiel Ernst Moritz Arndt geraten in den Fokus oder Geheimbünde in Berlin sowie das Turnwesen ganz allgemein. Dabei werden philosophische und pädagogische Strömungen unter die Lupe genommen, oder es wird der Einfluss Fichtes und Pestalozzis auf die Entwicklung eruiert. Anlässlich der Ermordung des Schriftstellers Kotzebue in Mannheim wird die ganze Vita des Attentäters Karl Ludwig Sand eingehend aufgearbeitet. Diese Ermittlungen sind jedoch allumfassend und erstrecken sich über ganz Deutschland und zum Teil sogar darüber hinaus. Für die hessische Landesgeschichte sind umfangreiche Aktenbände zu Ereignissen im Großherzogtum Hessen überliefert aber auch zu Strömungen im nassauischen Usingen.

Titel des Untersuchungsberichts "Über Arndt's Verbindungen"
Titel des Untersuchungsberichts "Über Arndt's Verbindungen"


Dabei haben viele der Berichte eine fast literarische Gestaltungshöhe und ein enormes Reflexionsniveau. Der Ermittlungsband zu Carl Ludwig Sand zum Beispiel beginnt mit den Worten: „Kotzebue’s Mord durch Sand gehört unter die merkwürdigeren Ereignisse nicht blos der neuesten Zeit. Die Geschichte kennt eine Menge Menschen, die für ihre Meinung in den Tod gegangen, auch die Fälle sind nicht selten, wo eine Meinung sich der Staatsgewalt zu bemächtigten wuste und dadurch die entgegengesetzte zum gewaltsamen Widerstand aufrief. Daß aber ein Einzelner aus dem Volke aufsteht, und über einen Einzelnen als Repräsentanten von Meinungen Gericht hält, die zu verbreiten dieser keine andere Gewalt hat, als die ihm sein Wort und seine Schrift giebt, dieser Ausbruch fanatischer Intoleranz ist – soviel uns bekannt – den Annalen der religiösen Reformation des XVIten, wie jenen der politischen Revolution des XVIIIten Jahrhunderts fremd geblieben.“

Unter all diesen Aspekten wäre es vielleicht an der Zeit, sich dieser umfangreichen Überlieferung zuzuwenden. Vielleicht sogar – und sei es als Auszüge – als Edition? Die Bände stehen dafür bereit.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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