Marburg reloaded. Farbfotografien 1910 und 2019 – Ansichten einer Stadt

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Marburg, Blick vom Schloss über Bückingsgarten 1901 und 2019
Marburg, Blick vom Schloss über Bückingsgarten 1901 und 2019

Seit gut zwei Monaten läuft im Hessischen Staatsarchiv Marburg die Ausstellung „Etwas sensationell Neues“ – Marburg um 1910 in Farbfotografien von Georg Mylius (Weitere Informationen). Dies ist Anlass genug, eine erste, kurze Zwischenbilanz zu ziehen.

Mit dem Autochrome-Verfahren der Brüder Lumière war es erstmals möglich, mit einer einzigen Fotografie Farbaufnahmen anzufertigen. Diese auf besonderen chemischen Eigenschaften des Trägermaterials basierende Technik reizte den Amateurfotografen Mylius, der vor allem während seines Pharmaziestudiums in Marburg mit dem neuen Medium experimentierte. Dabei entstanden zahlreiche Autochrome, von denen Mylius (1884-1979) insgesamt 86 kurz vor seinem Tod dem Staatsarchiv Marburg im Jahr 1975 schenkte. Von diesen Darstellungen, die alle zwischen dem Frühjahr und Herbst 1911 aufgenommen worden sind, zeigen gut 70 Motive aus Marburg und dem Marburger Umland.

Die sehr gut präsentierten Bilder der Ausstellung faszinieren auf zweierlei Weise: Zunächst ist es in Zeiten, in denen quasi Jedermann mit seinem mobilen Telefon qualitativ hochwertige Fotografien anfertigen und mit einem nächsten kurzen Klick in die ganze Welt verschicken kann, beeindruckend zu sehen, dass diese Aufnahmen wahrscheinlich die ältesten erhaltenen Farbaufnahmen von Marburg sind. Dass sich die Technik noch in den Kinderschuhen befand, erkennt man bei Betrachtung der Aufnahmen, die dennoch durch ihre hohe Qualität bestechen. Gleichzeitig ist die Auseinandersetzung mit neuen Medien in historischen Zeiten ein Aspekt für den modernen Menschen der schnelllebigen Zeit, der zum Innehalten anregt.

Darüber hinaus sind die Motive von einer nachhaltigen Wirkung, da sie nicht nur vergangene - historische – Motive zeigen, sondern fast als klassisch einzustufende Ansichten von Marburg mit sofortigem Wiedererkennungseffekt präsentieren. Jeder Besucher der Ausstellung lässt sich dabei beobachten, wie schnell die Motive erkannt und zugeordnet werden, die Veränderungen der Gegebenheiten ein Schmunzeln provozieren.

Marburg, Auf dem lutherischen Kirchhof
Marburg, Auf dem lutherischen Kirchhof. Eines der "7 Weltwunder", wie Georg Mylius es nannte: Die Haustür auf dem Dach, 1901 und 2019

Bei manchen Motiven ist es hingegen nicht so einfach, die wirklichen Unterschiede auszumachen, bei genauem Hinsehen fallen sie doch auf. Oft gibt es mehr Vegetation an Stellen, die 1910 noch nicht derartig begrünt waren. An anderen Stellen gibt es weniger Bäume und Pflanzen. Auffällig sind die Autos, die in Mylius Abbildungen überhaupt nicht vorkommen, bei den heutigen Bildern oft nicht aus dem Winkel der Betrachtung wegzubekommen sind. Besonders beeindruckend ist die Stadtentwicklung seit über hundert Jahren. So sind die Gräben und Wasserläufe um die ehemalige Brückenvorstadt Weidenhausen komplett verschwunden. Generell fällt das Anwachsen der Stadt beim Vergleich der weiteren Stadtansichten am meisten auf. Gelegentlich stellt sich die Frage nach dem Standort, den Mylius für seine Aufnahmen auswählte, da sie heute zum Teil nicht mehr zugänglich sind.

Die Innovation von Mylius‘ Aufnahmen erkannte der Verlag N. G. Elwert, der 24 der Marburg-Motive ab 1912 als Postkarten im Dreifarbendruck vertrieb. Dies trug zum einen zur Verbreitung von Mylius‘ Arbeit bei und führte zu einer nachhaltigen Rezeption der Ansichten von Marburg. Auch wenn nicht alle der Darstellungen den spontanen Wiedererkennungseffekt haben, zeigt aber auch ein Vergleich mit heutigen Aufnahmen der Motive den historischen Quellenwert der Aufnahmen, die somit sicher nicht nur für Marburg-Kenner, sondern auch für Stadtforscher und andere Wissenschaftler von Interesse sind.

Marburg, Universität mit Weidenhäuser Brücke 1901 und 2019
Marburg, Universität mit Weidenhäuser Brücke 1901 und 2019

Die Ausstellung veranschaulicht sehr deutlich, welche Schätze in den Beständen des Staatsarchives verborgen sind, auch wenn die originalen Glasplatten aus konservatorischen Gründen nun im Deutschen Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg unter klimatisch optimalem Bedingungen aufbewahrt werden. Durch die kluge Konzeption der Ausstellung, die neben der Präsentation von Postkarten und Dokumenten aus Mylius‘ Leben auch die frühe Farbfotographie an sich und in Marburg kontextualisiert, wird der Wert dieser Bilder deutlich. Eine PC-gestützte Bilderschau rundet das Besuchserlebnis ab. Die Kostbarkeiten der frühen Farbfotografie locken viele Einwohner und Besucher Marburgs in das Foyer des Archivs und vermitteln ihnen dadurch auch die Bedeutung und Vielseitigkeit der Archivarbeit. Die Ausstellung sowie die kostenlos erhältlichen sechs Postkarten von Marburger Mylius-Motiven erfreuen sich recht großen Zuspruchs, so dass inzwischen schon über 150 Exemplare der Begleitpublikation verkauft werden konnten.
Eva Bender, Marburg

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