Auftritt einer Ikone

Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus 1959

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Maria Callas im Kurhaus Wiesbaden, 1959
Maria Callas und der Dirigent Nicola Rescigno.

Am 10. Mai 1959 hätte die berühmte Sopranistin Maria Callas (1923-1977) in Wiesbaden – quasi zum informellen Auftakt der Internationalen Maifestspiele - singen sollen. Dieser Termin musste auf den 25. Mai verlegt werden, was die Spannung freilich nur noch steigerte. Schließlich war es selbst in den von prominenten Künstlern verwöhnten Maifestspielen der 50er Jahren nicht alltäglich, dass eine Primadonna assoluta in Wiesbaden auftrat, zumal ihr ein Ruf vorauseilte, der denjenigen aller Konkurrentinnen weit in den Schatten stellte.

Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959
Effektvoll inszenierter künstlerischer Hochgenuss: Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959

Bereits am 15. Mai hatte die Frankfurter Neue Presse das Bild ihrer Ankunft am Frankfurter Flughafen auf die Titelseite gebracht. Es folgten als Stationen der Tournee Hamburg, Stuttgart, München und schließlich das Kurhaus in Wiesbaden. Der Wiesbadener Fotograf Willi Rudolph hat das Ereignis hinter und vor den Kulissen festgehalten: die Ankunft der Callas im Hotel Nassauer Hof, ihr Auftritt mit dem Dirigenten Nicola Rescigno sowie die anschließende Gratulationscour mit Blumenüberreichung. Unter anderem übergab ihr ein Kind in griechischer Tracht eine Strauß. Die Kleidung spielte darauf an, dass die Sängerin die Tochter eines griechischen Einwandererpaares in den USA war.

Publikum beim Auftritt von Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959
Begeistertes Publikum beim Auftritt von Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959

Wie sehr sich die Veranstaltung von der eigentlichen künstlerischen Darbietung der Primadonna entfernt hatte, belegt die Berichterstattung in den Zeitungen. Die Callas war zusehends zu Ikone geworden und gerade 1959 - nach einem abgebrochenen Auftritt in Rom (1958) - regelrecht skandalumwittert. Die ausführliche Würdigung des Wiesbadener Auftritts in der Frankfurter Neuen Presse vom 25. Mai 1959 durch den hessischen Politiker Hugo Pütter ist bezeichnend für diese Sicht auf die Dinge. Ausgiebig schilderte Pütter zunächst das gesellschaftliche Drumherum: die Hunderte, welche die Straßen belagerten, um die Sängerin auf dem Weg zum Kurhaus zu sehen; die Polizisten in Galauniform sowie die Kleidung der Damen und Herren im Foyer. Anwesend waren unter anderem auch der japanische Botschafter sowie der Bundestagsvizepräsident. „Der Glanz guter alter Gesellschaft, aber auch ein wenig Geglitzer einer neuen Ära“, meinte Pütter. Das Programmheft war in Leinen gebunden und kostete 5 Mark, was ihm eine Ungeheuerlichkeit schien, die man aber gerne in Kauf nehme. Die lachsfarbene Robe der Sängerin aus Cannelé de Soie war eigens für dieses Konzert aus Mailand eingeflogen worden.

Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959
Von Blumen überhäuft: Maria Callas im Wiesbadener Kurhaus, 1959

Die gesangliche Leistung wurde in einem kleineren Zusatzartikel hingegen nur kurz, wenn auch positiv abgehandelt. Sie sei in ausgezeichneter Disposition gewesen, schrieb Pütter, habe Arien der Komponisten Spontini, Verdi, Rossini und Bellini gesungen und ihre Persönlichkeit unter Beweis gestellt. Allerdings bemängelte er doch auch eine gewisse berechnende Artistik. Diese Einschätzung gipfelte in der Bemerkung, das Publikum sei beglückt gewesen. „Die mit zahllosen Blumenbuketts überhäufte Callas – sie tat zumindest so – ebenfalls.“ Die Bilder des Fotografen Rudolph halten diese etwas überhitzte und von Seiten der Sängerin gekünstelte Atmosphäre aus dem Mai 1959 aufs Beste fest.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

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