Schriftgut nach Massenentsäuerung wieder nutzbar

Massenentsäuerung.png

Massenentsäuerung im Zentrum für Bucherhaltung
Massenentsäuerungsanlage im Zentrum für Bucherhaltung.

Mit der Rückkehr von sieben Beständen des Staatsarchivs Marburg, dem Staatsarchiv Darmstadt sowie der entsprechenden Bestände des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden aus dem Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig, in das sie zur Entsäuerung übergeben worden waren, wurde der im Rahmen der Bestandserhaltung für 2020 geplante Abschnitt der Massenentsäuerung des HLA abgeschlossen.

Das seit 2016 laufende Projekt „Sicherung der NS-Überlieferung“ wurde mit Bundesmitteln aus dem „Sonderprogramm zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und aus Landesmitteln des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst finanziert. Die Zuweisung der Finanzmittel erfolgte auf Grundlage des Votums des Fachbereichs der „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturgutes (KEK)“ durch die BKM. Dabei wurden Bestände der drei hessischen Archive in drei thematische Teilprojekte gebündelt, wodurch die Möglichkeit entstand, im Sinne der HLA-weiten Zielvereinbarung operationalisierbare Ziele in einem wichtigen Teil der Erhaltung zu definieren. Es handelt sich um die Projekte 1: Erbgesundheit mit elf Beständen, das Projekt 2: Strafverfolgung und Justiz im NS-Staat mit zehn Beständen und Projekt 3: Entschädigung und Wiedergutmachung mit der ersten Charge eines Bestandes. Somit sind die untenstehenden, wichtigen Bestände für die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus wieder zugänglich.

Hinter dem etwas sperrigen Begriff der Massenentsäuerung verbirgt sich eine wichtige bestandserhalterische Maßnahme, die Archivgut länger nutzbar macht. Dabei geht es um die Neutralisierung von Säuren in Papieren, um das Papier vor dem säurebedingten Zerfall zu retten. Die Säuren gelangten in der Regel seit Beginn der industriellen Papierproduktion Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Verwendung des ligninhaltigen Holzschliffs in das Papier. Da die im Papier enthaltene Cellulose durch die Säureeinwirkung zersetzt wird, indem die Makromoleküle zerfallen, sinkt die Reißfestigkeit des Papiers, so dass irreversible Schäden entstehen können. Um diesen entgegenzuwirken, werden Akten, die vermehrt aus diesem Papier bestehen, in großer Menge entsäuert. Dabei gibt es verschiedene Verfahren durch die der pH-Gehalt des Papiers in einen alkalischen Bereich mit Messwerten zwischen pH 7 und 9 gebracht wird.

Es wird zwischen Flüssigphasen-Verfahren und Trocken-Verfahren unterschieden. Da die Bestände des HLA sehr umfangreich sind, kann nicht auf das wässrige Einzelblattverfahren zurückgegriffen werden, sondern es wird das Flüssigphasen-Verfahren angewendet. Dabei werden die Akten in Drahtkörben für mehrere Stunden in ein Bad mit wasserfreiem Lösungsmittel, basierend auf einer milden, flüssigen Dispersion aus Magnesiumoxid (MgO) und Calciumcarbonat (CaCO3) als Entsäuerungsmittel und einer Trägerflüssigkeit (Heptan) getaucht. Damit werden die Säuren neutralisiert und eine alkalische Reserve im Papier aufgebaut, die den Zerfall des Papiers aufhält. Bereits entstandene Schäden können jedoch nicht rückgängig gemacht werden.
Eva Bender, Marburg

Im Rahmen des Projektes entsäuerte Bestände

Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden
Abt. 403 Bezirksverband des Regierungsbezirks Wiesbaden
Landesheilanstalten: Abt. 430/1 Heil- und Pflegeanstalt Eichberg, 430/3 Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein, 430/4 Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster
Erbgesundheitsgerichte: Abt. 473/1 Frankfurt a.M., 473/3 Limburg, 473/4 Wiesbaden, 473/5 Sonstige
Abt. 458 Oberlandesgericht Frankfurt
Abt. 518 Regierungspräsidien als Entschädigungsbehörde

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt
Bestand G 29 U Erbgesundheitsgerichte
Bestand G 21 A Hauptregistratur des Justizministeriums
Bestand G 23 H Oberlandesgericht Darmstadt, Protokolle der Präsidialabteilung und Sammelakten
Bestand G 24 Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Darmstadt
Bestand G 12 B Geheime Staatspolizei (Gestapo), Sicherheitsdienst der SS (SD)

Hessisches Staatsarchiv Marburg
Bestand 254 Generalstaatsanwalt Kassel
Bestand 263 Oberlandesgericht Kassel
Staatsanwaltschaften: Bestand 274 Hanau, 274 Kassel, 274 Marburg
Erbgesundheitsgerichte: Bestand 279 Hanau, 279 Marburg

Hessen-Suche