40 Jahre Startbahn West: Der Flughafen- und Umweltpfarrer

Materialsammlung Kurt Oeser (1928-2007) im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt

hstad_r_4_nr_41752_0001.png

Porträt von Prof. Dr. Kurt Oeser am Schreibtisch, 1988
Porträt von Prof. Dr. Kurt Oeser am Schreibtisch, 1988 (HStAD Best. R 4 Nr. 41752)

Kein anderer Pfarrer war in Deutschland und Europa unter der Bezeichnung „Flughafenpfarrer“ und „Umweltpfarrer“ prominent – die Zuschreibungen waren Programm und Auszeichnung zugleich.
Kurt Oeser, seit 1958 Vikar, dann Pfarrer in Mörfelden, betrat schon in Mörfelden ein schwieriges Pflaster: in der Weimarer Republik dominiert von SDP-Arbeitervereinen, Zentrum der Freidenker- und Kirchenaustrittsbewegung und der KPD, mehrheitlich links. Pfarrer Oeser beschritt neue Wege, focht innerkirchliche Kontroversen aus, kritisierte das bildhafte Bibelverständnis, organisierte Jazz-, Dialog-, Jugend- und Familiengottesdienste, auch Fußballbenefizspiele, und gemeinsame Christmetten mit der amerikanischen Baptistengemeinde des Rhein-Main-Gebiets.

Oesers Denken wurde durch seine Parteinahme für Demokratie und die Erhaltung der Umwelt bestimmt. In der Theologie vertrat er eine verantwortliche Zeitgenossenschaft in ökumenischer Weite, eine „weltliche“ Theologie der Aufklärung in der Tradition des religiösen Sozialismus. Er forderte eine Neubesinnung auf Nutzen und Schaden von Wissenschaft und Technik, eine Antwort auf die Frage nach deren Umweltverträglichkeit und die Untersuchung der Auswirkungen von Lärm auf den Menschen. Dabei berief er sich auf die Schöpfungsverantwortung für das Lebensrecht aller Kreaturen.

Plakatwerbung für ein Volksbegehren gegen die Startbahn West (Dirk Streitenfeld), 1981
Ein friedliche Anliegen - Volksbegehren gegen die Startbahn West - martialisch beworben: Die Bleistifte, die sich dem bedrohlich wirkenden Flugzeug entgegenrecken, erinnern an Panzersperren. (HStAD Best. R 2 Nr. 786, Plakat von Dirk Streitenfeld, 1981)

Früh setzte Kurt Oeser sich für den Frieden ein und beteiligte sich 1963 an der Organisation von Ostermärschen, dem ersten von Darmstadt über Mörfelden nach Frankfurt unter dem Motto „Kampagne für Abrüstung“.
Früh begann er auch mit dem Kampf gegen die Flughafenerweiterung in Frankfurt und deren umweltpolitischen Belastungen in der Rhein-Main-Region. Im Jahr 1965 wurde er zum Vorsitzenden der „Interessengemeinschaft gegen Fluglärm“ gewählt, die bald 20000 Mitglieder zählte. Mit dem Ziel der Verhinderung der Startbahn West in Frankfurt am Main richtete Kurt Oeser 1966 eine Petition an den Hessischen Landtag. 1967 wurde die Bundesvereinigung gegen Fluglärm mit Städten, Gemeinden und Schutzvereinen, auch ausländischen Teilnehmern, gegen die schädlichen Auswirkungen des Luftverkehrs in Neu-Isenburg gegründet: Vorsitzender auch hier: Kurt Oeser. Dieser Organisation auf bundesdeutscher Ebene folgte 1968 die europäische Ebene mit der Gründung der „Union Europénne contre les Nuissances des Avions“. Obwohl Kurt Oeser das 1971 erlassene Fluglärmgesetz als unzureichend empfand, war es dennoch gelungen Oeser als ersten Vertreter der Bundesvereinigung gegen Fluglärm in jeder Fluglärmkommission eines Flughafens zu installieren.

Plakat gegen die Startbahn West und für ein generelles Nachtflugverbot
Plakat der "Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung" gegen die Startbahn West und für ein generelles Nachtflugverbot, 1982 (HStAD Best. R 2 Nr. 923)

Im Jahr 1968 nahm sein umweltpolitisches Engagement einen so großen Raum ein, dass er bis 1971 freigestellt wurde und die Pfarrstelle in Mörfelden schließlich verließ, um als erster Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche für Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche Deutschlands zu wirken. Der Pionier der Umweltbewegung, eben der „Umweltpfarrer“, war Vorsitzender der Jury Umweltzeichen „Blauer Engel“ und seit 1971 auch des Bundesverbands der Bürgerinitiativen Umweltschutz.

Als die Auseinandersetzungen um den Bau der Startbahn 18 West immer weiter eskalierten, schaltete sich Kurt Oeser auch hier ein. Im 1980 errichteten und von Demonstranten bewohnten Hüttendorf war er der „Flughafenpfarrer“ vor Ort, der in seiner Hüttenkirche Weihnachtsgottesdienste abhielt. Durch aktiven gewaltfreien Widerstand und Verhandlungen mit der Polizei verhinderte Kurt Oeser bei der gewaltsamen Räumung des Hüttendorfs am 2. November 1981 eine Schleifung der Hüttenkirche. Später wurde die Kirche an anderer Stelle im Wald wiederaufgebaut Sie wird bis heute für Gottesdienste genutzt. Aber die Auseinandersetzungen eskalierten dennoch weiter. Eine Anklage Kurt Oesers vor der Staatsanwaltschaft Darmstadt wegen Widerstand gegen die Polizei ging 1982 zu seinen Gunsten aus. Immer wieder betonte er das Konzept der Gewaltfreiheit in der Startbahnbewegung, berief sich auf die Bergpredigt, demokratische Selbstbestimmung, ökologische Verantwortung und soziale Gerechtigkeit. Kurt Oeser unterstützte auch das Volksbegehren gegen die Startbahn West, das vom Hessischen Staatsgerichtshof jedoch nicht zugelassen wurde.

Auch als Mediator machte sich Oeser einen Namen, stets auch ein Vertreter von gesellschaftlichen und staatlich organisierten Konsensprozessen. Allerdings handelte er sich als Leiter der Mediationsgruppe im 1998 beginnenden Mediationsverfahren um den Flughafenausbau unter strengen Auflagen und das Nachflugverbot am Flughafen Frankfurt am Main von 22 bis 6 Uhr auch Unmut und Kritik von Flughafengegnern ein.
Bei all diesem Engagement kam auch die Parteipolitik nicht zu kurz. Seit 1965 Mitglied der SPD, nahm Kurt Oeser auch politische Ämter wahr: in der Stadtverordnetenversammlung in Mörfelden, als Vorsteher derselben in Mörfelden-Walldorf bis zum Jahr 2000, im Kreistag Groß-Gerau.

Auszeichnung von Prof. Dr. Kurt Oeser mit dem Umweltpreis des B.A.U.M., 1994
Auszeichnung von Prof. Dr. Kurt Oeser mit dem Umweltpreis des B.A.U.M., 1994 (HStAD Best. R 4 Nr. 41748)

Ein besonderes Anliegen war Kurt Oeser seine Tätigkeit als Hochschullehrer. Er hielt Lehrveranstaltungen zu den Themen „Bürgerengagement im Umweltbereich“, „Die Umweltkrise als Herausforderung an Theologie und Kirche“, „Wissen um komplexes Zusammenwirken von Mensch und Natur mit messbaren Auswirkungen z. B. auf die globale Atmosphäre oder Gesundheit des Menschen“ an den Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, Gießen und Fulda und an den Universitäten Mainz und Marburg. Für seine Verdienste wurde Kurt Oeser mit vielen Preisen und Orden sowie dem Ehrenbürgerrecht von Mörfelden-Walldorf ausgezeichnet.

Die Materialsammlung HStAD O 70 hält zu den vielfältigen Aspekten des Engagements Kurt Oesers viele Archivalien und Publikationen bereit, die auf eine genauere Auswertung warten.
Eva Haberkorn, Darmstadt


Quellen: „Kurt Oeser. Gemeindepfarrer und erster „Umweltbeauftragter“ Deutschlands. Cornelia Rühlig und Carmen Rebecca Hecht, Stadt Mörfelden-Walldorf 2008
Eva Haberkorn, 21.12.2021

Hessen-Suche