200 Jahre metrisches Maßsystem in Hessen

Einen Daumen breit oder... der vierhundertmillionste Theil des Erdmeridianquadranten

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Karte mit Maßstab
Die unterschiedlichen Längenmaße erschwerten auch den Geometern ihre ohnehin schon schwierige Arbeit: Ausschnitt aus einer Karte von 1763 mit genauer Maßstabsangabe (HStAD Best. P 27 Nr. 178/1)

Am 1. Juli 1818 war es endlich soweit: Das am 10. Dezember 1817 verabschiedete Gesetz des Großherzogtums Hessen zur Einführung eines neuen Maß- und Gewichtssystems trat in Kraft. Die Eingangsworte des Gesetzestextes sagen bereits viel: „Zur Beseitigung der großen Nachtheile, welche durch die außerordentliche Verschiedenheit der Maße und Gewichte in Unserm Großherzogthum veranlaßt werden, haben Wir nachstehendes Maaß- und Gewichtssystem einzuführen beschlossen...“ (HStAD Best. E 3 a Nr. 13/13; mit Digitalisat der Verordnung)

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte nahezu jede Stadt und Gemeinde ihre eigenen Maße und Gewichte, was trotz der damit verbundenen Nachteile von Zünften und Kaufleuten auch als Schutz gegen die Konkurrenz angesehen wurde. Im Gebiet des späteren Großherzogtums Hessen existierten etwa 40 verschiedene Mutter-Ellen, 130 verschiedene Fruchtmaße und etwa 80 unterschiedliche Flüssigkeitsmaße. Die Länge eines Fußes variierte zwischen 22 cm und 53 cm, die der Elle zwischen 54 cm und 119 cm. Umständliche Umrechnungen z.B. des Fruchtmaßes des Fürstentums Starkenburg auf das Darmstäder Mutter-Eichmaß oder des Lindenfelser in das Darmstädter Amtsfruchtmaß machten Verwaltung und Bevölkerung das Leben schwer.
Ein Untertan aus dem benachbarten Frankfurt formulierte es 1811 so: „Muß nicht ein denkender, sich vor Betrug sichern wollender Familienvater seine ganze Denkkraft auf diesen einzigen Titel der Maaß-Kunde werfen? Muß er nicht sein halbes Hauß von Gewichten vollpfropfen und welchen Nutzen hat wohl davon der Unterthan, welchen der Staat?“ Als 1816 auch noch die linksrheinischen, vorher unter französischer Verwaltung stehenden, Gebiete mit eigenem Maß- und Gewichtssystem zum Großherzogtum hinzukamen, wurde eine Vereinheitlichung der Maße und Gewichte schließlich unumgänglich.

Maßstab
Maßstab auf einer Karte von 1759 mit Erläuterung: „Länge eines halben Geometrischen Fußes deren 10 eine Sedecimal Ruthe aus machen“ (HStAD Best. P 27 Nr. 193)

Das neue System sollte sowohl für die Menschen praktikabel sein als auch wissenschaftlichen Grundsätzen genügen, d.h. die vom menschlichen Körper abgeleiteten Maße wie Fuß, Schritt oder Spanne mussten auf genauestens umrechenbare Größen bezogen werden, die wiederum in einfachen, bestimmten Verhältnissen zueinander standen. Es gelang, beide Anforderungen zu verbinden, indem man den Zoll (also ursprünglich eine Daumenbreite) als Grundeinheit einführte. Dieser hatte aber eine genau definierte Länge von 25 mm, die dem 400.000.000. Teil des Erdmeridians entspricht. Auf diesen Zoll konnten alle bisherigen Maße und Gewichte bezogen werden, wie die Umrechnungstabelle am Ende des Gesetzes zeigt. Zur praktischen Umsetzung sollte in allen Städten und Amtssitzen an gut zugänglicher Stelle ein in Zolle geteilter zwei Fuß langer Eisenstab angebracht werden, an dem jeder seine Maße unentgeltlich prüfen konnte. Die Überwachung übernahmen die neu geschaffene, dem geheimen Staatsministerium direkt unterstellte, Maß- und Gewichtskommission in Darmstadt sowie eigene Eichämter in den größeren Städten. Somit jährt sich auch die Gründung des hessischen Eichwesens zum zweihundertsten Mal.
Trotz der vielfältigen Veränderungen in Produktion, Handel, Technik und Wissenschaft hat sich das metrische System bewährt und wird inzwischen - mit wenigen Ausnahmen - weltweit eingesetzt.

Barbara Tuczek

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