Politischer Akteur und überwachtes Organ

Die Mittelrheinische Zeitung in Wiesbaden

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Anonyme Karikatur auf die gute Presse, 1847
Anonyme Karikatur auf die gute Presse, 1847: "Süße heilige Censur; laß uns gehn auf deiner Spur; Leite uns an deiner Hand Kindern gleich; am Gängelband!"

Immer mehr historische Zeitungsbestände werden in Datenbanken online gestellt – möglichst komfortabel in der Recherche durch hinterlegte Metadaten. Wie welche Meldung in die Zeitung gelangte, wie die Zensur im 19. Jahrhundert eingriff oder welche Auswirkungen diese Meldungen hatten, geht aus Zeitungen selbst aber nicht hervor. Hierfür aber bietet die Aktenüberlieferung in den staatlichen Archiven häufig eine recht gute Quellengrundlage. Denn – sowohl für den Vormärz als auch für die Zeit danach – die Überwachung der Presse bis hin zur Zensur, die Erteilung von Konzessionen, die Ahndung von Pressevergehen sowie die direkte Einflussnahme durch die Regierung, lässt den Blick hinter die Kulissen der Redaktionsbüros zu.

Besonders interessant wird es oft dann, wenn in den Akten selbst die gedruckten Zeitungen als Beweismittel beiliegen – so in Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden Abt. 211 Nr. 8131. Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Konvolut über die Freie Zeitung bzw. die Mittelrheinische Zeitung, die in Wiesbaden erschien. Sie war als revolutionäres Blatt während der 48er Revolution erschienen und konnte – als eine der wenigen Ausnahmen – mit einigen Umbenennungen bis 1945 (Wiesbadener Zeitung) erscheinen. Besonders interessant jedoch ist ihre oppositionelle Phase während der Revolution und in den frühen 50er Jahren. Erst in der Mitte der 50er Jahre wurde sie konventioneller und staatskonformer.

Solche Entwicklungen lassen sich mit dem Blick hinter die Kulisse anhand der Akte sehr gut nachvollziehen. So finden sich 1848 noch Untersuchungen der Landesregierung gegen den Redakteur Julius Oppermann wegen dessen Vermögens-, Familien- und Leumundsverhältnisse, was darauf schließen lässt, dass über diesen Weg dem unliebsamen Blatt Schaden zugefügt werden sollte. Das Blatt galt als unbequem.
Kurz darauf, im Jahr 1851, stellte die nassauische Staatsregierung aber bereits Überlegungen an, die „Freie Zeitung“ zur Veröffentlichung ihrer Erlasse zu nutzen. Trotzdem folgen weiterhin Untersuchungen gegen einzelne Artikel oder wegen erfolgter Beschwerden. So wurde im Oktober 1852 erklärt, dass die Zeitung die Position der Regierung in der Frage der Zollangelegenheiten „in einer Weise besprochen“, habe, „welche nur geeignet ist, Unzufriedenheit und Aufregung im Lande hervorzurufen“. Aber nicht nur das. Insbesondere die Katholiken im Land fühlten sich immer einmal wieder durch die Berichterstattung verunglimpft. Ein ganzes Paket an Zeitungen aus dem Jahr 1852 wurde dem Vorgang beigefügt. Im selben Jahr erfolgte auch die Beschwerde des Medizinalrats Dr. Reuter in Wiesbaden über die negative Berichterstattung zur mangelhaften ärztlichen Versorgung auf dem Land.
Und so geht es weiter fort bis 1870, also bis in preußische Zeit, wenn auch die Beschwerden und Eingriffe immer seltener und unspektakulärer wurden. Durch die vielen Eingaben und Stellungnahmen der staatlichen Behörden, der Redaktionsmitglieder und der Privatpersonen entsteht aber zumindest für die 1850er Jahre ein gutes Bild, wie Zeitungen in der Zeit nach der Revolution von 1848 entstanden, welche Freiräume sie besaßen und gegen was sie anzukämpfen hatten.
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

Taschenhöflein - Gedicht von Franz Dingelstedt (1814-1881), aus Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters, 1841, entstanden in Fulda. Abgedruckt in der Freien Zeitung 15. Oktober 1848

Taschenhöflein - Gedicht von Franz Dingelstedt (Teil 1)
Taschenhöflein - Gedicht von Franz Dingelstedt (Teil 2)
Taschenhöflein - Gedicht von Franz Dingelstedt (Teil 3)

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