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Zeichnungen, Malereien und Doodles

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Allegorische Darstellung der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“, 17. Jh.
Allegorische Darstellung der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“, 17. Jh. (HStAD Best. C 1 D Nr. 94)

Fotos, Plakate und Karten gelten gemeinhin als die klassischen Bildquellen der Archive. Doch ein Blick in die digitalisierten Bestände des Hessischen Landesarchivs zeigt, dass sich auch in den Schriftquellen häufig interessante und teilweise kuriose bildliche Darstellungen verstecken.

Ein reicher Fundus an lustigen Zeichnungen findet sich beispielweise in den Gästebüchern der Burg Ludwigstein. In diesen Büchern, die in den Beständen des Archivs der deutschen Jugendbewegung erhalten sind, haben Schulklassen und andere Gruppen, die in der Burgherberge zu Gast waren, neben zahlreichen Danksagungen auch viele Bilder hinterlassen. Ein beliebtes Motiv ist die Burg selbst, manchmal sind aber auch Erlebnisse aus der dort verbrachten Zeit dargestellt. Eine Zeichnung aus dem Jahr 1967 lässt auf ein besonders erinnerungswürdiges Ereignis für eine Schulklasse schließen: Sie zeigt den Klassenlehrer auf nächtlicher Siebenschläferjagd (AdJb Best. CH 1 Nr. 716).

Karikatur: Klassenlehrer auf Siebenschläferjagd
Klassenlehrer auf Siebenschläferjagd (AdJb Best. CH 1 Nr. 716)

Auch Stammbücher – eine frühe Form des Poesiealbums – enthalten oft bildliche Darstellungen. Besonders eindrucksvoll ist das im frühen 17. Jahrhundert entstandene Exemplar des Johann Christoph Kugler, Rat und Rentmeister der Landgrafen von Hessen-Darmstadt, mit zahlreichen Eintragungen von Mitgliedern des Hoch- und Niederadels, die mit farbigen Wappenzeichnungen und anderen Bildern versehen sind. (HStAD Best. C 1 D Nr. 94). Eine Malerei erscheint besonders kurios: Dargestellt ist ein Mann, der eine in der Luft schwebende Frau an der merkwürdig anmutenden Frisur festhält (siehe Bild zu Beginn des Artikels). Es handelt sich um eine allegorische Darstellung der Redewendung „die Gelegenheit beim Schopf packen“. Die Göttin Occasio, auch „Frau Gelegenheit“, trägt ihr Haar vorne lang und ist hinten kahl. Man muss sie daher entschlossen an der vorderen Haarpracht ergreifen, bevor sie vorbeigezogen ist.

Kritzeleien eines Unbekannten, 1664
Köpfe, Landschaft, Wappen... Kritzeleien eines Unbekannten, 1664 (HHStAW Abt. 170 III Nr. 940)

So manches kleine Kunstwerk entstand aber auch ganz spontan. Solche heute als Doodles bekannten Zeichnungen, die während des Zuhörens oder Nachdenkens nebenher auf Papier gekritzelt werden, sind gelegentlich auch in Archivgut überliefert. In der Korrespondenz des Hauses Nassau-Dillenburg finden sich beispielsweise auf einem Blatt zwischen zwei Entwürfen für Glückwunschschreiben aus den Jahren 1664/65 zahlreiche kleine Zeichnungen (HHStAW Best. 170 III Nr. 940). Zu sehen sind unter anderem das Brustbild einer Frau mit langen lockigen Haaren, ein weiterer Kopf im Profil, eine Hügellandschaft mit Bäumen und die Skizze eines Wappens. Offenbar ließ der Schreiber während der Arbeit seine Gedanken schweifen.

Skizzen von Frauenköpfen, vermutlich von Gisela Grimm (1827–1889)
Skizzen von Frauenköpfen, vermutlich von Gisela Grimm (1827–1889) (HStAM Best. 340 Grimm Nr. P 71)

Ebenso sehenswert sind einige Doodles, die aus der Feder der Gisela Grimm (1827–1889) stammen dürften. Die Tochter von Bettina Brentano und Achim von Arnim und Ehefrau Herman Grimms war selbst Urheberin einiger Märchen und Theaterstücke. In ihrem Nachlass ist eine Schreibmappe aus ihrer Schulzeit überliefert, die einige Löschpapierseiten mit Kritzeleien enthält (HStAM Best. 340 Grimm Nr. P 71). Sie zeigen ein Strichmännchen und verschiedene Frauenköpfe. Genau wie im Fall der Nassauer Korrespondenz laden auch diese Zeichnungen zu Spekulationen ein, um wen es sich bei den abgebildeten Personen handeln könnte.
Diese Beispiele zeigen, dass es sich immer lohnt, das online verfügbare Archivgut durchzublättern – ungeahnte Kunstwerke warten auf ihre Entdeckung!
Sabine Fees, Hessisches Landesarchiv

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