Mixed Pixels – Digitalisiertes Archivgut online

Kuriositätenkabinett

a_12_347_800.png

Wappen für den Narren "Hans Latz", verliehen von "Johanna Petronella Sardanapala" (HStAD Best. A 12 Nr. 347)
Frühneuzeitliche Kuriosität: Fiktive Urkunde mit Wappen für den Narren "Hans Latz", verliehen von "Johanna Petronella Sardanapala" (HStAD Best. A 12 Nr. 347)

In den digitalisierten Beständen des Hessischen Landesarchivs finden sich immer wieder kuriose Einzelstücke. Ein typisches Beispiel ist eine Akte im Hauptstaatsarchiv (HHStAW Best. 340 Nr. 1289), die schon auf dem Einband mit „Curiosa“ betitelt ist. Sie enthält einige besonders kreative Schreiben des Christian Ludwig Appelius, Hofrat der Burggrafen von Kirchberg, wie etwa einen Neujahrswunsch für Georg Friedrich, Burggraf von Kirchberg und Graf zu Sayn-Wittgenstein, zum Jahr 1730. Das Jahr ist als römische Zahl im Kopf des Schreibens eingetragen, einzelne Worte des darauffolgenden Textes wurden mit kleinen Zeichnungen illustriert, die wiederum in die Lettern MDCCXXX integriert sind und über Ziffern im Text referenziert werden. Dargestellt sind z.B. das Rad der Zeit, die Schlange der Ewigkeit oder auch ein (frommes) Herz.

Neujahrswunsch für Georg Friedrich, Burggraf von Kirchberg und Graf zu Sayn-Wittgenstein (HHStAW Best. 340 Nr. 1289)
Viel Symbolik: Neujahrswunsch für Georg Friedrich, Burggraf von Kirchberg und Graf zu Sayn-Wittgenstein (HHStAW Best. 340 Nr. 1289)

Etwa zur selben Zeit fertigte Appelius eine allegorische Darstellung des Hauses der Burggrafen von Kirchberg an. Sie zeigt ein zweistöckiges Bauwerk in Form einer Ehrenpforte, mit zwei Säulen als Sinnbild für Graf Georg Friedrich und seine Gemahlin Sophia Amalia und drei weiteren für die unverheirateten Schwestern des Grafen in der oberen Etage, gestützt von acht Säulen im unteren Stockwerk, welche die zu diesem Zeitpunkt acht Kinder des Grafenpaares symbolisieren.

Allegorische Darstellung des Hauses der Burggrafen von Kirchberg (HHStAW Best. 340 Nr. 1289)
Ehrenpforte und Säulen: Allegorische Darstellung des Hauses der Burggrafen von Kirchberg (HHStAW Best. 340 Nr. 1289)

Im Marburger Nachlass Grimm ist ein Heft von Hermann Grimm aus dem Jahr 1847 überliefert (HStAM Best. 340 Grimm, Nr. Ms 187), das neben Textentwürfen und Skizzen auch einige eingeklebte Zeitungsausschnitte mit teils kuriosem Inhalt enthält. Darunter findet sich beispielsweise die an seine Berufskollegen gerichtete Warnung eines Hausknechts, der von seinem Dienstherrn aufgrund eines unerlaubten Besuchs im benachbarten Bierkeller verprügelt wurde. In einem Schreiben des „souveränen Schuljugend-Volksvereins-Komites“ wird vom Berner Erziehungsdirektor eine vollständige Reorganisation der Volksschulen gefordert, unter anderem sollen die Lehrer fortan von der Volksversammlung der Schulkinder für jeweils eine Woche gewählt werden. In einer weiteren Zeitungsanzeige kündigt ein gewisser Friedrich Leopold Neuendorff einen vollständigen Ausverkauf („wie noch Niemand ausverkauft hat“) seines Leinenhandels an, da er 50.000 Thaler in der Lotterie gewonnen habe und sich nun endlich seinen langgehegten Wunsch einer Weltreise erfüllen könne. Die Waren würden deutlich unter Wert verkauft, damit er Berlin so schnell wie möglich verlassen und seine Reise mit dem segelfertigen Schiff antreten könne.

Annonce des Ausverkaufs von Friedrich Leopold Neuendorff, um 1847 (HStAM Best. 340 Grimm Nr. Ms 187)
Hatte es nach dem Lotteriegewinn besonders eilig: Annonce des Ausverkaufs von Friedrich Leopold Neuendorff, um 1847 (HStAM Best. 340 Grimm Nr. Ms 187)

Ein besonders eindrucksvolles Kuriosum aus dem 16. Jahrhundert ist im Staatsarchiv Darmstadt erhalten geblieben. Es handelt sich um eine fiktive Urkunde, in der eine ebenso imaginäre Johanna Petronella Sardanapala, Herrscherin über (u.a.) Persien, Arabien, beide Indien, Asien, Taprobana (Sri Lanka) und Amerika, einen gewissen Hans Latz in den Grafenstand erhebt (HStAD Best. A 12 Nr. 347). Der gesamte Text weist zahlreiche Anspielungen auf die im 16. Jahrhundert gängigen Narrengeschichten auf, auch Hans Latz ist ein genretypischer Narrenname. Dieser Hans sei laut der Urkunde mit einem fliegenden Schiff („wintschiff“) vor der Herrscherin erschienen und habe ihr durch Erzählungen, Zeugen und Urkunden, eine davon ausgestellt durch den König von Narragonien, seine edle Abstammung nachgewiesen. Sie habe ihm daher ein Wappen verliehen, das unter anderem einen Brustlatz als Symbol für seinen Namen und mehrere Narren mit Narrenkappen zeigt, im Zentrum außerdem Hände, die nach einem „E“ für „Ehe“ greifen, da er bisher zwar viel Erfolg bei den Frauen hatte, aber noch keine als Ehefrau heimgeführt hat. Die Helmzier bildet ein „indianischer Papagei“, eingerahmt von zwei Affen.

Fiktive Urkunde für "Hans Latz", ausgestellt von Johanna Petronella Sardanapala (HStAD Best. A 12 Nr. 347)
Das ganze Werk ein Schelmenstück: Fiktive Urkunde für "Hans Latz", ausgestellt von Johanna Petronella Sardanapala (HStAD Best. A 12 Nr. 347)

Im Kontext der Digitalisierung von Archivgut werden immer wieder solche ungewöhnlichen Funde gemacht. Die interessantesten Kuriositäten werden künftig regelmäßig in den Mixed Pixels präsentiert.
Sabine Fees, Hessisches Landesarchiv

Hessen-Suche