Mixed Pixels – Digitalisiertes Archivgut online

Urlaubszeit – Reisezeit

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Panoramafoto der Akropolis in Athen, 1869 (HStAD D 27 A Nr. 57/46)
Aufnahme der Akropolis in Athen, 1869 (HStAD D 27 A Nr. 57/46)

Die Sommermonate sind traditionell die Zeit der „großen Ferien“ und damit auch die Haupturlaubszeit des Jahres. Aus dem digitalisierten Archivgut des HLA lässt sich ablesen, dass das Thema Urlaub die Menschen bereits seit vielen Jahrhunderten bewegt. Im 15. Jahrhundert machte etwa der Abt des Zisterzienserklosters Marienstatt der Äbtissin des Nonnenklosters Gnadenthal dazu detaillierte Vorgaben (HHStAW, Best. 74 Nr. U 929). Sie solle den Schwestern nur einmal im Jahr Urlaub gewähren, und nur aus redlicher Ursache, also beispielsweise nicht zu Kirmessen oder Hochzeiten und Taufen von Verwandten. Auch während ihres Urlaubs sollten die Nonnen keine weltliche Kleidung tragen und sich ihrem Stand geziemend verhalten.

Anordnungen für das Zisterzienserinnenkloster Gnadenthal, 1492 (HHStAW Abt. 74 Nr. U 929)
Redliche Gründe, geziemendes Verhalten und keine Schnabelschuhe - die Urlaubsvorschriften für Nonnen des Klosters Gnadenthal aus dem Jahr 1492 waren lang. (HHStAW Abt. 74 Nr. U 929, Ausschnitt)

Um den guten Ruf war auch Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt besorgt. Er verkürzte im Jahr 1716 die jährlichen Ferien der Universität Gießen von 16 auf insgesamt sechs Wochen, da die verhältnismäßig geringe Unterrichtsfrequenz der Universität einen schlechten Ruf bei den „Ausländischen“ beschere. Zur Abstellung dieser „großen Inconvenientz“ wurden als Ferienzeiten zwei Wochen um Ostern, zwei im Hochsommer („in denen Hunds Tagen“) und weitere zwei im Herbst festgesetzt (HStAD, Best. R 1 A Nr. 13/40).

Verordnung über die Dauer der Ferien an der Universität Gießen, 1716 (HStAD Best. R 1 A Nr. 13/40)
Verkürzung der Ferienzeit für einen guten Eindruck: Verordnung von Landgraf Ernst Ludwig von Hessen, 1716 (HStAD Best. R 1 A Nr. 13/40)

Eine äußerst unerfreuliche Art, die wertvollen Ferientage zu verbringen, ist Gegenstand einer großherzoglich-hessischen Verordnung aus dem Jahr 1836. Demnach habe ein Schulkind, das zu einer mehrtägigen Gefängnisstrafe verurteilt wird, diese möglichst während der Ferien zu verbüßen (HStAD, Best. E 3 A Nr. 81/26).

Verordnung des Großherzogtums Hessen über den Zeitpunkt von Gefängnisstrafen für Schulkinder, 1836 (HStAD Best. E 3 A Nr. 81/26)
An der Gefängnisstrafe für Schulkinder fand man nur den Zeitpunkt bedenkenswert: Sie sollte nicht während der Schulzeit verbüßt werden. (HStAD Best. E 3 A Nr. 81/26)

Heute wird die Ferien- und Urlaubszeit häufig für Reisen genutzt. Erholungs- oder Vergnügungsreisen im modernen Sinne wurden im 19. Jahrhundert üblich, zunächst in der adligen Gesellschaft. Davon zeugen die im Staatsarchiv Darmstadt überlieferten Fotoalben des großherzoglich-hessischen Archivs, in denen zahlreiche Reisen der Familienmitglieder im 19. und frühen 20. Jahrhundert dokumentiert sind. Sie führten – häufig auch im Zusammenhang mit Verwandtenbesuchen – auf die Krim, auf die britischen Inseln, nach Italien oder in die Schweiz (HStAD, Best. D 27 A Nr. 35/56).

Reichenbachtal bei Rosenlaui mit Blick auf den Dossen in der Schweiz, 1865 (HStAD Best. D 27 A Nr. 35/56)
Seit jeher beeindruckend: Das Reichenbachtal bei Rosenlaui mit Blick auf den Dossen, 1865 (HStAD Best. D 27 A Nr. 35/56)

Andere Reisen waren eher offizieller Natur, wie die Teilnahme Großherzog Ernst Ludwigs von Hessen-Darmstadt an der Proklamation des britischen Königs Edward VII. zum Kaiser von Indien in Delhi 1903 oder die Mittelmeer-Rundreise Ludwigs IV. im Rahmen der Eröffnungsfeier des Suezkanals 1869, in deren Verlauf er unter anderem Griechenland (HStAD, Best. D 27 A Nr. 57/46), Konstantinopel, Palästina und Ägypten besuchte.

Voll belegter Autobahnrastplatz an der A 66 um 1960 (HHStAW Abt. 3008/47 Nr. 3698)
Picknick an der Autobahn: Voller Rastplatz an der A 66 im Jahr 1960 (HHStAW Abt. 3008/47 Nr. 3698)

Erst im 20. Jahrhundert wurden Urlaubsreisen für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich, vor allem seit den 50er und 60er Jahren im Zuge des Wirtschaftswunders und des damit verbundenen Aufschwungs der Tourismusbranche. Dementsprechend stammen aus dieser Zeit die ersten Aufnahmen von vollen Autobahnen und Autobahnrastplätzen zur Urlaubszeit (HHStAW, Best. 3008/47 Nr. 3698), auch wenn das Verkehrsaufkommen mit dem heutigen Reiseverkehr noch nicht vergleichbar ist.

Eintrag des "Freideutschen Kreises" im Gästebuch der Burg Ludwigstein, 1949 (AdJB Best. CH 1 Nr. 90)
Besonders in der Nachkriegszeit war eine Ferienwoche auf Burg Ludwigstein eine willkommene Abwechslung für Kinder: Gästebucheintrag des "Freideutschen Kreises", 1949 (AdJB Best. CH 1 Nr. 90)

Ein beliebtes Urlaubs- und Ausflugsziel war bereits damals auch die Burg Ludwigstein bei Witzenhausen, in der das Archiv der deutschen Jugendbewegung, eine Außenstelle des HLA, untergebracht ist. Das bestätigen nicht zuletzt die Einträge in den Gästebüchern der Burg, in denen Besucher seit den 1920er Jahren Grüße, Zeichnungen und Erlebnisberichte hinterlassen (AdJb, Best. CH 1 Nr. 90).

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen sonnigen und erholsamen Sommerurlaub – in Hessen oder an anderen schönen Orten!

Sabine Fees, Hessisches Landesarchiv

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