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Hessens älteste Dokumente: Ein digitaler Blick in das erste Jahrtausend

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Urkunde von König Pippin für das Kloster Fulda (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 4)
Die älteste Ukunde des Hessischen Landesarchivs: König Pippin überträgt dem Kloster Fulda eine Villa im Riesgau, 760 (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 4)

Bei den ältesten Stücken in den Magazinen der hessischen Staatsarchive handelt es sich um Pergamenturkunden, vorrangig königliche und kaiserliche Diplome, aus dem 8. bis 10. Jahrhundert. Eine beachtliche Zahl ist vor allem in den Beständen der Klöster Fulda und Hersfeld überliefert. Sie zählen zu den wichtigsten Quellen zur Erforschung des Frühmittelalters und sind aufgrund ihrer historischen Bedeutung beinahe ausnahmslos digitalisiert und online einsehbar.

Das älteste Original des HLA ist gleichzeitig die älteste nördlich der Alpen erhalten gebliebene Königsurkunde, mit der König Pippin im Jahr 760 dem Kloster Fulda eine Villa im Riesgau übertrug (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 4). Nur etwa sechs Jahre jünger ist eine weitere Schenkungsurkunde Pippins für das gleiche Kloster über eine Villa im Maingau, die das Fragment eines durchgedrückten Wachssiegels aufweist (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 5).

Urkunde einer Schenkung König Pippins für das Kloster Fulda über eine Villa im Maingau, 766 (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 5)
Das Kloster Fulda wurde auch mit einer Villa im Maingau bedacht. Urkunde König Pippins aus dem Jahr 766 (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 5)

Die ältesten Stücke im HLA mit vollständig erhaltenem Siegel stammen aus dem 9. Jahrhundert, darunter eine Schenkung Ludwigs des Deutschen an das Cyriakusstift in Worms aus dem Juli 867 (HStAD Best. A 2 Nr. 55/1) und, einige Jahrzehnte früher ausgefertigt, eine Urkunde Karls des Großen für das Kloster Hersfeld aus dem Jahr 802, in der eine unrechtmäßig getätigte Schenkung bestätigt wird (HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2264).

Urkunde Ludwigs des Deutschen an das Cyriakusstift in Worms, 867 (HStAD Best. A 2 Nr. 55/1)
Die Urkunde Ludwigs des Deutschen aus dem Jahr 867 trägt noch das originale Wachssiegel (HStAD Best. A 2 Nr. 55/1)

Auch darüber hinaus findet sich in der Überlieferung des Klosters Hersfeld eine größere Zahl von Originalen Karls des Großen, die vier ältesten stammen allesamt aus dem Jahr 775. Von besonderer Bedeutung für das Kloster war die Verleihung des Königsschutzes und des Privilegs der freien Abtswahl in einer Urkunde vom 5. Januar 775 (HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2254).

Urkunde Kaiser Karls des Großen für das Kloster Hersfeld, 775 (HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2554)
Etwas verzogen, aber auch nach über 1240 Jahren noch lesbar: Urkunde Kaiser Karls des Großen für das Kloster Hersfeld aus dem Jahr 775 (HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2554)

Das Stück ist daher nicht nur im Original, sondern auch in anderen Überlieferungszusammenhängen auf uns gekommen, z.B. als Vidimus (beglaubigte Kopie) aus dem 14. Jahrhundert (HStAM Best. Urk. 56 Nr. 2253) und in mehreren Abschriften des 18. und 19. Jahrhunderts (HStAM Best. Urk. 100 Nr. 4454-4458).

Andere vor dem Jahr 1000 ausgefertigte Urkunden sind sogar ausschließlich in abschriftlicher Form überliefert. Die älteste Papsturkunde des HLA, mit der Papst Zacharias im Jahr 751 das Kloster Fulda unmittelbar der römischen Kirche unterstellte, liegt in den Fuldaer Beständen nur als inhaltlich überarbeitete Kopie des 10. Jahrhunderts vor (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 1).

Abschrift einer Urkunde von Papst Zacharias für das Kloster Fulda (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 1)
Abschrift einer Urkunde von Papst Zacharias für das Kloster Fulda (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 1)

Gleich neun Urkunden für dasselbe Kloster, allesamt königliche Zehntprivilegien aus den Jahren 840 bis 912, wurden wohl noch vor 920 als Abschriften auf Pergamentstücken kompiliert, die zu einem 3,8 Meter langen Rotulus zusammengenäht wurden (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 27).

Eine Urkunde des Rotulus über die Zehntprivilegien des Klosters Fulda (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 27)
Mit Pergamentstreifen zusammengenäht: Eine Urkunde des Rotulus über die Zehntprivilegien des Klosters Fulda (HStAM Best. Urk. 75 Nr. 27)

Im HLA wurden außerdem Kopien, Fotos und moderne Abschriften von Urkunden anderer Archive mit Relevanz für die hessische Landesgeschichte gesammelt. Darunter finden sich auch Stücke aus dem ersten Jahrtausend, etwa eine Urkunde Ottos I. von 956, mit der er der Abtei St. Maximin in Trier die Zehnten der Stiftsgüter zurückgab. Das Original liegt in der Bibliothèque Nationale in Paris. Im Staatsarchiv Darmstadt findet sich eine detailgetreue Nachzeichnung, die von dem berüchtigten Mainzer Bibliothekar Franz Joseph Bodmann (1754-1820) angefertigt wurde (HStAD Best. A 14 Nr. 4738).

Abzeichnung einer Urkunde von Otto I., angefertigt von Franz Joseph Bodmann (HStAD Best. A 14 Nr. 4738)
Ob dies alles so stimmt? Abzeichnung einer Urkunde von Otto I., angefertigt von Franz Joseph Bodmann (HStAD Best. A 14 Nr. 4738)

Daneben sind in Darmstadt aber auch Originale Ottos des Großen erhalten, z.B. ein Privileg für die bischöfliche Kirche zu Worms aus dem November 965 (HStAD Best. A 2 Nr. 255/3).

Privileg Ottos des Großen für die bischöfliche Kirche in Worms, 965 (HStAD Best. A 2 Nr. 255/3)
Privileg Ottos des Großen für die bischöfliche Kirche in Worms, 965 (HStAD Best. A 2 Nr. 255/3)

Um Schäden an diesen mehr als 1000 Jahre alten Pergamenturkunden zu vermeiden, können sie nur in sehr seltenen Ausnahmefällen im Lesesaal vorgelegt werden, sie sind aber in digitalisierter Form jederzeit für die Forschung zugänglich. Auch für den dauerhaften Erhalt der ältesten Dokumente Hessens spielt die Archivgut-Digitalisierung im HLA daher eine zentrale Rolle.
Sabine Fees, Hessisches Landesarchiv

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