Der Mordfall Lichtenstein

Podcast zu einem Meilenstein der deutschen Kriminalitätsgeschichte

Frankfurter Zeitung.png

Extrablatt der Frankfurter Zeitung zum Mord am Klavierhändler Lichtenstein
Extrablatt der Frankfurter Zeitung zum Mord am Klavierhändler Lichtenstein

Im Hessischen Hauptstaatsarchiv wird eine Aktenserie zu einem spannenden Kriminalfall aus der Zeit der Jahrhundertwende aufbewahrt (HHStAW Abt. 407 Nr. 908, 909, 917): Am Freitag den 26. Februar 1904 um 12:45 Uhr wurde in seinem Klaviergeschäft auf der Frankfurter Zeil der Klavierhändler Hermann Lichtenstein ermordet und beraubt aufgefunden. Die Leiche des Ermordeten lag in einem Lagerraum zwischen den dort aufgestellten Instrumenten auf dem Boden. Sofort begann die Polizei mit ihren Ermittlungen. In Zeitungen wurde um sachdienliche Hinweise gebeten. Durch diese Hinweise geriet der Möbelträger Oskar Bruno Groß aus Werdau in Sachsen in Verdacht, der mehrfach für das Klaviergeschäft tätig geworden war. Dieser bestritt die Tat.

Tatortskizze zum Mordfall Lichtenstein
Tatortskizze zum Mordfall Lichtenstein

Durch die eigene Aussage von Groß wurde die Polizei auf seinen Mittagstisch im Cafe Bostel aufmerksam. Dort war er in letzter Zeit regelmäßig mit einem seitdem verschwundenen Kutscher verkehrt. Dieser konnte schließlich in Hamburg ausfindig gemacht werden. Die Uhrenkette des Ermordeten sowie die Uhr, die Medaillons und der vergoldete Bleistift, die Lichtenstein geraubt worden waren, wurden bei ihm gefunden. Der Kutscher und Pferdeknecht namens Friedrich Stafforst gestand schließlich ein, die Tat zusammen mit Gross verübt zu haben. Gross gab daraufhin an, Stafforst habe Lichtenstein getötet. Immer mehr verstrickte er sich aber in Widersprüche. Dinge, die er zugab, nahm er kurz darauf wieder zurück.

Die Lösung des Falles brachte der Chemiker Dr. Popp, ein Begründer der naturwissenschaftlichen Kriminalistik und damit der modernen Rechtsmedizin. Er untersuchte die Kleidung von Gross und konnte darauf entfernte Blutspuren feststellen, die Gross niemals abbekommen hätte, wenn er bei der Tat nur untätig dabeigestanden habe. Besonders in den Fokus geriet aber ein blutiger Fingerabdruck, den Dr. Popp eindeutig Gross zuschreiben konnte: „Beide Angeklagte haben gleich große Hände, aber sehr verschiedene Papillenzeichnungen an den Fingerspitzen. Es befand sich nun auf dem Umlegekragen des Ermordeten auf der linken vorderen Ecke eine blutige Fingerspur, die während der Tat entstanden sein muß, und dieser Abdruck stimmt mit der Fingerzeichnung des rechten Ringfingers des Groß überein. Groß muß also den Hals des Opfers in gebückter oder liegender Stellung vom Kopf und von hinten her bearbeitet haben.“ Damit konnte erstmals in Deutschland ein Täter anhand eines Fingerabdruckes identifiziert werden.

Bruno Groß und Friedrich Stafforst
Die beiden Tatverdächtigen: Bruno Groß und Friedrich Stafforst

Groß und Stafforst wurden am 18. Mai 1904 wegen Mordes zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung im Gefängnis Preungesheim erfolgte am 12. November 1904 um 7:45 Uhr.
Gelesen wird im Podcast aus den Ermittlungsakten, die durch einen weiteren Sprecher kommentiert werden. Begleitet wird dies durch Bildmaterial aus dem Archivgut sowie eigens für den Podcast eingespielte dramatische Klaviermusik. Insgesamt entsteht somit ein authentisches und stimmungsvolles Bild der Ermittlungsarbeiten des Jahres 1904.
Direktlink zu Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=SsKdOuZTUJ8
Rouven Pons, Hessisches Landesarchiv

Hessen-Suche