Die Tonbänder

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Auschwitzprozess Tonbänder

Die während der Hauptverhandlung angefertigten Tonband-Aufzeichnungen waren eigentlich nur zur „Stützung des Gedächtnisses des Gerichts“ gedacht. Schriftlich wurden die Zeugenaussagen vor Gericht nicht wortgetreu protokolliert, sondern nur mit dem wesentlichen Inhalt festgehalten. Gerade weil sich aber Beweisführung und Urteilsfindung beim Auschwitz-Prozess, so wie bei anderen Verfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen (NSG) auch, auf die Aussagen von Zeugen stützten, war die Aufzeichnung der Aussagen als „Gedächtnisstütze“ so wichtig. Während 134 Verhandlungstagen vernahm das Gericht 360 Personen, von denen 357 ihr Einverständnis zur Aufzeichnung ihrer Aussage erklärt hatten. Vorrangig handelte es sich dabei um 221 Opferzeugen - Überlebende des KZ Auschwitz, aber auch anderer Lager - sowie um 85 SS-Zeugen. Neben den Zeugenaussagen wurden auf Tonband aufgenommen: die Stellungnahmen von Sachverständigen zu Beginn der Hauptverhandlung sowie die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertreter und Verteidigung zwischen dem 155. und 180. Verhandlungstag. Aufgezeichnet wurden am Schluss der Hauptverhandlung die Schlussworte der Angeklagten und schließlich die mündliche Urteilsverkündigung des Vorsitzenden Richters Hans Hofmeyer an den beiden letzten, den 182. und 183. Verhandlungstagen.

 

Insgesamt handelt es sich bei diesen Tonbandaufnahmen um eine einzigartige Quelle, zum einen wegen ihres informatorischen Wertes. Opfer der nationalsozialistischen Judenpolitik legten eindringlich und minutiös Zeugnis ab von der Mordmaschinerie des größten nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers. Zum anderen kommt den Tonbandaufnahmen hinsichtlich ihrer Authentizität eine überragende Bedeutung zu. Die Tonzeugnisse besitzen eine enorme psychologische und emotionale Wucht. Über die eigentliche Information des Gesprochenen hinaus spiegeln die Aufnahmen vieler Zeugenaussagen atmosphärisch den unvorstellbaren Schrecken von Auschwitz wider. Das Leid und der Schmerz vieler Zeugen werden mit der Tonbandaufnahme spürbar. In den „letzten Worten“ der Angeklagten schwingt dagegen vielfach die seelische Kälte der NS-Täter gegenüber ihren Opfern mit.

 

Es war dem vehementen Einsatz von Hermann Langbein – als Auschwitz-Häftling, Mit-Initiator des Auschwitz-Prozesses und Zeuge vor Gericht dreifach involviert – zu verdanken, dass die Tonbänder nicht gelöscht wurden, sondern erhalten blieben. Langbein war sich der Bedeutung des Prozesses in Frankfurt bewusst und erkannte rasch den hohen dokumentarischen Wert dieser Tonbandaufnahmen über den Prozess hinaus. Mit seinem Anliegen, die Tonbänder langfristig für die Nachwelt zu erhalten, wandte er sich mehrfach an das Hessische Justizministerium. Der hessische Justizminister Lauritz Lauritzen entschied schließlich per Erlass im September 1965, dass die Tonbänder „wegen ihres bedeutenden geschichtlichen Werts“ nicht zu löschen, sondern „zum Zwecke einer späteren Archivierung“ bei der Staatsanwaltschaft aufzubewahren seien. Erst im Mai 1989 erfolgte die Abgabe der Tondokumente an das zuständige Hessische Hauptstaatsarchiv. Zwischenzeitlich waren zwar einige Mitschnitte der Zeugenaussagen verloren gegangen. Dennoch konnten immerhin 103 Tonbänder mit einer Gesamtspieldauer von 424 Stunden archivisch gesichert werden. Um die Inhalte dieser Tonbänder zukunftsweisend zu sichern und nutzbar zu machen, digitalisierte das Deutsche Rundfunkarchiv in Frankfurt als Kooperationspartner das bereits stark angegriffene Audiomaterial. Nach ihrer Rückgabe an das Hauptstaatsarchiv werden die Tonbänder dort fachgerecht verwahrt, sind aber wegen ihres fortgeschrittenen Alters und Erhaltungszustands kaum noch benutzbar. Die Nutzung erfolgt digital entweder über das Digitale Archiv Hessen beim Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden oder als Streaming über die Website des Fritz Bauer Instituts.

Externer Link: www.auschwitz-prozess.de

 

Einleitung

Weltdokumentenerbe

Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz

Strafverfolgung vor dem 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess

1. Frankfurter Auschwitz-Prozess

Verfahrensakten

Tonbänder

 

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