Ganz ohne "Martha"

Die Nachlassakte des Komponisten Friedrich von Flotow

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Lithographie von Friedrich von Flotow
Der Komponist Friedrich von Flotow, Lithographie um 1860 (HStAD Best. R 4 Nr. 41386)

Die 1847 uraufgeführte Oper „Martha“ gehörte bis ins 20. Jahrhundert zu den meistgespielten ihrer Gattung. Die Arie „Ach, so fromm, ach, so traut“ mit dem Schluss „Martha, Martha, Du entschwandest“ muss als regelrechter Schlager bezeichnet werden, den sich kaum ein Tenor entgehen ließ. Heute ist es hingegen still geworden um das Werk und seinen Komponisten Friedrich von Flotow (1812–1883), wenn es auch kürzlich in Frankfurt wieder erfolgreich aufgeführt wurde.

Flotow stammte aus Mecklenburg und hielt sich sehr lange in Paris auf. Später war er in Schwerin und Wien tätig, bevor er 1880 zu seiner Schwester Bernhardine Rößner (1811–1883) nach Darmstadt zog, bei der er am 24. Januar 1883 auch verstarb. Die Nachlassakte wird heute im Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt (HStAD Best. G 28 Amtsgericht Darmstadt Nr. F 1509/72; Sterbeeintrag in HStAM Best. 901 Nr. 298 [Nr. 62]).
Die Sterbefallanzeige nennt ihn als Gutsbesitzer und Großherzoglich Mecklenburgisch-Schwerinischen Kammerherrn, der am 24. Januar 1883 um 10:30 Uhr in der Dieburger Straße Nr. 235 in Darmstadt verstorben ist. Das Testament war 1880 im Amtsgericht Tessin (Mecklenburg) hinterlegt worden; die Witwe wünschte aber eine Testamentseröffnung in Darmstadt, was bewilligt wurde. Deshalb liegt der Akte Flotows Testament in beglaubigter Abschrift bei. Flotow gibt sein Vermögen mit dem im ritterschaftlichen Amt Ribnitz gelegenen Lehensgut Teutendorf an, das zusätzlich zu einer Rente für seine Schwester in Höhe von 1200 Reichsmark mit einer Hypothek von 11.4000 Talern belastet ist. Hinzu kommen u.a. das Inventar des Gutes, österreichische Papierrentenbriefe, Hypothekenscheine, Möbel, Gemälde, Silberzeug, Leinenzeug, Garderobe und Schmuck sowie die Erträge aus Flotows musikalischen Werken, die leider nicht beziffert werden.

Sterbefallanzeige für Friedrich von Flotow
Sterbefallanzeige für Friedrich von Flotow (HStAD Best. G 28 Amtsgericht Darmstadt Nr. F 1509/72)

Das – vor allem finanzielle – Erbe wurde verteilt unter seiner dritten Ehefrau Rosina (1846–1925), geborene Theen, sowie den Söhnen aus zweiter Ehe Wilhelm Eduard (1855–1897) und Friedrich Ludwig (1857–1918) sowie der Tochter aus dritter Ehe Bernhardine (* 1869). Auch ein Bediensteter seines Onkels erhiel eine lebenslängliche Rente. Energisch aber lehnte Flotow die Erbberechtigung der unehelichen Tochter seiner zweiten Ehefrau Anna, geborene Theen, ab. Diese war mittlerweile von dem Kapellmeister und bekannten Librettisten Richard Genée adoptiert worden. Flotows Erben sollten mit aller Kraft gegen deren etwaige Ansprüche vorgehen, und, wenn dies erfolglos bliebe, allenfalls den gesetzlichen Pflichtteil auszahlen lassen. Wie der weitere Schriftverkehr belegt, war eine völlige Abweisung der Ansprüche wohl nicht möglich, so dass sie mit dem Pflichtteil abgefunden wurde.

Bescheinigung für Frau Rosa von Flotow geb. Theen über die Rechte an den Kompositionen ihres verstorbenen Ehemanns
Bescheinigung für Frau Rosa von Flotow geb. Theen über die Rechte an den Kompositionen ihres verstorbenen Ehemanns

Über das musikalische Vermächtnis ist im Testament aber nichts zu lesen. Hierzu heißt es erst in einer Bescheinigung, die am 16. Februar 1884 ausgestellt wurde und die auf Wunsch der Witwe zur Vorlage bei der „Société des Tuteurs et Compositeurs Dramatiques“ in Paris entstand, dass „Frau Kammerherr Rosa von Flotow geb. Theen allein berechtigt erscheint, die musikalischen Werke ihres am 24. Januar 1883 verstorbenen Ehemannes des Herrn Kammerherrn Friedrich von Flotow zu verwerthen und diejenigen Rechte bezüglich der fraglichen musikalischen Werke geltend zu machen, welche bei Lebzeiten des Herrn Kammerherrn von Flotow diesem zustanden.“ Eine Kalkulation, auf welche Summe sich das belaufen hat, bleibt aber auch hier aus. Dass Friedrich Ludwig von Flotow gegen eine einmalige Zahlung von 8000 Mark auf derartige Ansprüche verzichtete, lässt eine Größenordnung dieser Einnahmen aber erahnen. Allein die große Popularität der Oper „Martha“ dürfte ein gutes Auskommen gesichert haben.
Rouven Pons, Darmstadt

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