Nachruf Dr. Wilhelm Alfred Eckhardt

Zum Tod des Landeshistorikers, Hilfswissenschaftlers und ehemaligen Direktors des Staatsarchivs Marburg

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Wilhelm Alfred Eckhardt (1929-2019)
Dr. Wilhelm Alfred Eckhardt (1929-2019)

Wilhelm Alfred Eckhardt wurde geboren am 27. Januar 1929 in Kiel als Sohn von Karl August Eckhardt und seiner Frau Ilse, geb. Thiel. Bedingt durch die Karriere des Vaters während der NS-Zeit zog die Familie nach Berlin, Bonn, Marburg und Graz, wo er 1947 sein Abitur „mit Auszeichnung“ ablegte. In den Jahren 1947 bis 1953 folgte das Studium der Rechtswissenschaft und der Geschichte in Marburg und Bonn. Wie sein weiterer Lebensweg zeigt, lag der Schwerpunkt seiner Interessen eindeutig in der Geschichte. 1953 wurde er bei Helmut Beumann mit der Arbeit „Die Kapitulariensammlung Bischof Ghaerbalds von Lüttich“ in Marburg promoviert.

Den Weg zu den historischen Quellen, die ihn zeitlebens faszinieren sollten, fand Wilhelm A. Eckhardt bereits in den ersten Jahren seines Studiums. 1947 bis 1949 sammelte er im Samtarchiv Schenck zu Schweinsberg erste Erfahrungen in der Betreuung und Erschließung historischer Archivbestände. In den Jahren 1953 und 1954 übernahm er die Ordnung und den Aufbau des Archivs der Althessischen Ritterschaft Stift Kaufungen. 1954 und 1955 nutzte er die Gelegenheit, für ein DFG-Forschungsprojekt als Wissenschaftlicher Mitarbeiter nach München zu Friedrich Lütge zu wechseln. Im Anschluss schlug er die Archivarslaufbahn ein und absolvierte 1955 bis 1956 im Staatsarchiv Marburg sowie in der dortigen Archivschule das Referendariat. Im April 1956 heiratete Wilhelm A. Eckhardt Waltraud Marlen, geb. Belitz. Aus der Ehe gehen zwei Jungen und ein Mädchen hervor.

1957 stellte das Hessische Staatsarchiv Wilhelm A. Eckhardt ein, was ihm gleich im Folgejahr die Möglichkeit verschaffte, am internationalen Stage des französischen Nationalarchivs in Paris teilzunehmen. Die Beamtenstelle eines Regierungsarchivrats konnte Wilhelm A. Eckhardt erst 1960 im Marburger Staatsarchiv antreten. Mit der Stelle verbunden war der Einsatz an der 1949 dort etablierten Archivschule, in der er die Lehre im Fach Rechtsgeschichte übernahm. 1970 folgten die Beförderungen zum Oberarchivrat, 1978 zum Archivdirektor und 1982 schließlich zum Leitenden Archivdirektor und damit zum Direktor des Staatarchivs Marburg. Die Stellung beinhaltete zugleich das Direktorat der Archivschule Marburg. Die Archivanwärterinnen und -anwärter des gehobenen wie des höheren wissenschaftlichen Archivdienst aus den staatlichen Archiven des Bundes und der Länder erhielten hier ihre theoretische Fachausbildung. In die Amtszeit Eckhardts fiel die Ausgliederung der Archivschule aus dem Staatsarchiv. 1988 gelang es, eine Studienleiterstelle einzurichten, 1991 folgte der Umzug in ein eigenes Gebäude in unmittelbarer Nähe des Staatsarchivs und 1994 schließlich die Verselbständigung der Archivschule. Mit dem Erreichen der Altersgrenze trat Wilhelm A. Eckhardt im selben Jahr in den Ruhestand.

Wie er am Ende seines Berufslebens selbst rückblickend resümierte, fühlte er sich als „Landesarchivar“ insbesondere dazu berufen, die landeshistorische Forschung voranzutreiben. Dies dokumentieren seine publizistischen Aktivitäten in beeindruckender Weise. Eine ganze Anzahl von Beiträgen, neben Lexikonartikeln etwa ein Dutzend, hatten sich aus seiner Studien- und Doktorandenzeit ergeben und befassten sich mit den Überlieferungen der frühmittelalterlichen Kapitularien. Die weitaus größere Zahl von deutlich mehr als einhundert Beiträgen jedoch behandelten landesgeschichtliche Themen und waren inhaltlich breit angelegt. Sie erstreckten sich vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit, einige auch bis in die Zeitgeschichte hinein. Ergaben sie sich in vielen Fällen aus mehr oder weniger zufälligen Anlässen – als Vorträge für Jubiläen oder als Beiträge für Festschriften –, so hatte er sie doch zugleich sämtlich „aus eigenem Interesse bearbeitet“. Wilhelm A. Eckhardt betrachtete sie darüber hinaus als „Grundlagenforschung“ und „Bausteine für die Landesgeschichtsforschung“ (Zt.: Miszellen und Vorträge, 1995). Dafür spricht bis heute die ausgesprochene Quellennähe seiner Beiträge.

Als der wahrscheinlich intimste Kenner des Archivs der Familie Schenck zu Schweinsberg fand er beispielsweise immer wieder Gelegenheiten, aus diesem reichen Quellenfundus zu schöpfen – vielleicht ging es ihm auch darum zu demonstrieren, wie unerschöpflich ein derartiger Archivbestand für historische Fragestellungen sein kann. Auch die Geschichte Marburgs einschließlich seines Umlands wie auch der Städte Nordhessens – Kassel, Kaufungen, Witzenhausen, Eschwege, Bad Sooden-Allendorf – fanden sein Interesse und führten zu zahlreichen grundlegenden, bis heute einschlägigen Darstellungen.

Das bisher Ausgeführte könnte den Eindruck erwecken, Wilhelm A. Eckhardt entsprach dem Prototyp des in die landeshistorisch-wissenschaftliche Arbeit vertieften Historiker-Archivars. In dieses Bild passt die 1962 erfolgte Aufnahme als Wissenschaftliches Mitglied in die Historische Kommission für Hessen. Es gab jedoch noch eine andere Seite seiner Persönlichkeit. Denn er pflegte auch über den Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit hinausgehende Interessen und Verbindungen. So trat er 1949 während des Studiums dem Corps Teutonia Marburg bei. Darüber hinaus engagierte er sich in der Stadtgesellschaft, war Vorsitzender des Förderkreises Basketball Marburg und Vorstandsmitglied der Neuen Literarischen Gesellschaft „Literatur um 11“ e.V.

Für einen Archivar eher außergewöhnlich war sein politisches Engagement. In den Jahren 1968 bis 1979 war er zeitweise Stadt- und Kreistagsabgeordneter in Marburg bzw. im Kreis Marburg-Biedenkopf. Im Nachhinein verbuchte er diese Zeit als interessante und lehrreiche Episode, auch wenn sie ihn von seinen wissenschaftlichen Arbeiten abgehalten habe. Dennoch offenbart diese Lebensphase eine Seite seiner Persönlichkeit, die darauf aus war, über den engeren archivarischen Rahmen hinaus zu wirken. Diese Seite äußert sich unter anderem darin, dass er lange Jahre, von 1954 bis 2005 den Wissenschaftlichen Verlag Trautvetter & Fischer Nachfolger geführt hat.
Mit seiner Pensionierung zog sich Wilhelm A. Eckhardt keineswegs zurück, im Gegenteil. Überblickt man seine Publikationstätigkeit, gewinnt man den Eindruck, dass er erst jetzt die notwendige Zeit fand, lange verfolgte Projekte anzugehen und zur Vollendung zu bringen. Leicht lassen sich für die Jahre nach seiner Pensionierung mehr als 40 weitere Publikationen aufspüren, die allesamt seinem Anspruch gerecht werden, Beiträge zur landeshistorischen „Grundlagenforschung“ zu sein (opac.regesta-imperii.de) weisen.

In dem Spätwerk Wilhelm A. Eckhardts zeigt sich noch deutlicher, dass er, das darf man gewiss so zuspitzen, ein praktizierender Hilfswissenschaftler. Die Theorie der Quellenkritik und Diplomatik sowie der ganzen Palette der sogenannten Kleinen Hilfswissenschaften bis hin zur Epigraphik und Genealogie interessierte ihn weniger. Wichtiger ihm, deren Potenzial für die wissenschaftlich fundierte Publikation aussagekräftiger Quellen für die Forschung zu nutzen. Geprägt durch seine Studien- und frühe Forschungsjahre wie auch die Zusammenarbeit mit seinem Vater bildeten dabei die Quellen zur Rechts- und Verfassungsgeschichte einen Schwerpunkt. Ausdrücklich genannt seien die „Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Eschwege“ (1970), „Das Salbuch des Stifts Kaufungen v. 1519“ (1993), später dann eine ganze Reihe einschlägiger Editionen: „Quellen zur Rechtsgeschichte der Stadt Allendort an der Werra und des Salzwerkes Sooden“ (2007), das „Familien-, Herrschafts- und Gutsarchiv von Berlepsch“ (2008, Mitherausgeber), „Das Frankenberger Stadtrechtsbuch“ (2014) und schließlich die umfangreichste, sicher anspruchsvollste und inhaltlich wichtigste seiner Arbeiten: „Das Arnsburger Urbar“ (2017). In bereits hohem Alter hat er hier ein seit langem unvollendetes Projekt der Historischen Kommission entschlossen aufgenommen und abschließen können. Zwischenzeitlich gab er Ernst Kochs „Prinz Rosa Stramin“ neu heraus (2008) und es gelang ihm, seine aus persönlichem Interesse Jahrzehnte lang zusammengestellten Materialien zu den historischen „Gerichtsstätten in Hessen“ in ein Internet-Inventar zu überführen, das heute 550 Gerichtsstätten dokumentiert und der Wissenschaft wie einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung steht (www.lagis-hessen.de).

Ermutigt durch die beachtlichen Ergebnisse, die er trotz zunehmender gesundheitlicher Beeinträchtigungen in den vergangenen Jahren noch hatte vorlegen können, nahm Wilhelm A. Eckhardt 2017 die Arbeiten an den Rechtsquellen der Stadt Kassel auf und konnte sie weit vorantreiben, so dass die Publikation dieses wichtigen Quellenbandes in erreichbare Nähe rückte. Doch verstarb er am 4. Juli 2019 im Alter von 90 Jahren. Mit Wilhelm A. Eckhardt verliert die hessische Landesgeschichte einen ihrer profundesten und produktivsten Protagonisten.
Prof. Dr. Andreas Hedwig, Präsident des Hessischen Landesarchivs

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