Nachruf auf Herrn Dr. Winfried Schüler

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Dr. Winfried Schüler
Ltd. Archivdirektor a.D. Dr. Winfried Schüler

Am 23. Mai 2020 verstarb Ltd. Archivdirektor a.D. Dr. Winfried Schüler im Alter von fast 86 Jahren. Sein Studium der Geschichte und Anglistik an der Universität Münster schloss er mit einer Dissertation über den Bayreuther Kreis und den Wagnerkult ab. Die Arbeit an den Quellen weckte in ihm den Entschluss, Archivar zu werden. 1968-1970 besuchte er die Archivschule Marburg und trat nach Ablegung der Prüfung für den höheren Dienst zunächst eine Stelle als Angestellter am Staatsarchiv Marburg an, bevor er 1971 als Archivrat an das Hauptstaatsarchiv Wiesbaden wechselte. 1983 wurde er zum Stellvertreter des Direktors ernannt und war von 1996 bis zu seiner Pensionierung 1999 Leiter des Hauptstaatsarchivs.

In die fast 30jährige Dienstzeit Dr. Schülers fielen grundlegende Entscheidungen zur Modernisierung des Archivwesens. Intensiv begleitete er die Planung und Errichtung des Neubaus des Archivgebäudes in Wiesbaden am Mosbacher Berg, das damals mit seiner technischen Ausstattung und in seinem ästhetischen Anspruch Maßstäbe setzte. Als sich die Archive seit den 70er Jahren einer Flut von Schriftgut aus den Dienststellen des Landes gegenübersahen, war es Dr. Schüler, der in zuweilen kontroverser Fachdiskussion die Erarbeitung neuer Bewertungsmodelle für Massenakten vorantrieb. Unter seiner Federführung betraten die hessischen Staatsarchive in den 80er Jahren auch gegen manche Skeptiker durch die Einführung moderner Informationstechnologie im Archivwesen Neuland. Verbunden ist sein Name mit der ersten archivischen Datenbank LEDOC sowie der Neuentwicklung des internetfähigen Archivinformationssystems HADIS.

Dr. Schüler verkörperte aber auch den wissenschaftlichen Archivar, der sich weit über seine Pensionierung hinaus in den Historischen Kommissionen und im Verein für Nassauische Altertumskunde engagierte. Er galt als ausgesprochener Spezialist für die Geschichte des 19. Jahrhunderts, insbesondere des Herzogtums Nassau. Wie kaum ein anderer kannte er die nassauischen und preußischen Zentralbestände des Hauptstaatsarchivs, die er zu einem großen Teil selbst erschlossen hat. Für seine langjährige Betreuung des im Hauptstaatsarchiv deponierten Herzoglich Nassauischen Hausarchivs und seine Verdienste um die Erforschung der nassauischen Geschichte zeichnete ihn der Großherzog von Luxemburg mit dem Verdienstorden Adolph von Nassau aus. Die zahlreichen Veröffentlichungen Dr. Schülers über die Geschichte des Nassauerlandes im 19. Jh. sind bis heute grundlegend.

Dr. Schüler kennzeichnete sein mitreißender Optimismus, seine strukturierte Gedankenführung und seine Kompromissfähigkeit. In seiner Freizeit galt seine Leidenschaft bis zuletzt dem Theater, der Musik und dem Tennis. 2014 bereitete ein Schlaganfall seiner Forschungstätigkeit ein jähes Ende. Die Verdienste Dr. Schülers um das Archivwesen und um die nassauische Landesgeschichtsforschung bleiben unvergessen. Unser Mitgefühl gilt seiner Witwe und den Familien seiner beiden Söhne, auf die er sehr stolz war.
Klaus Eiler, Wiesbaden

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