Versuch einer Begradigung

Regulierung der Nister bei Hachenburg

Nister Ausschnitt

Nister bei Hachenburg im Ausschnitt aus der Karte des Herzogtums Nassau, 1819
Das Nistertal zwischen Nauberg und Rothenklee in der Karte des Herzogtums Nassau von 1819

Bei Flussbegradigungen denkt man heutzutage meistens an Umweltsünden der Nachkriegszeit, vielleicht noch an Großprojekte wie etwa die Rheinbegradigung, die eine Verbesserung der Schifffahrtswege oder die Bekämpfung der Malaria zum Ziel hatten. Die Geschichte der Flussbegradigungen ist jedoch weitaus älter und reicht bis in das Spätmittelalter zurück. In den meisten Fällen waren wirtschaftliche Aspekte wie vereinfachter Warentransport oder Landgewinnung der Grund für die aufwendigen Projekte. Die Begradigung der Nister bei Hachenburg im Jahr 1800 hatte jedoch eine andere Ursache: der Schutz der Fernstraße Köln-Leipzig.

„Mehrere in dem Fluß Nister von der Arfelder Brücke an bis gegen das Dorf Nister befindliche Krümmungen sind Ursach“, schrieb der Stadtmagistrat von Hachenburg an die nassauische Regierung der Grafschaft Sayn-Hachenburg, „daß das Waßer ohnweit der Brücke, dem Rothenklee gegenüber, mit solcher Gewalt anschießt und um sich reißt, daß wenn nicht bald Anstalt dagegen getroffen wird, der dort vorbeiführende öffentliche Weg ganz weggerissen wird.“ Als Abhilfe schlug der Magistrat eine Durchstechung der Mäander vor, um die Nister in einen geraden Lauf zu zwingen; ein einfaches und gewinnversprechendes Verfahren, das allerdings die höhere Fließgeschwindigkeit eines geraden Flusses außer acht ließ.

Die Arfelder Brücke, so benannt nach einem im 17. Jahrhundert wüst gefallenen Hof, befand sich etwa 300 m westlich der heutigen Brücke, welche die L 281 bei der Straßenmeister Hachenburg über die Nister führt, etwa am Eingang des Nistertals zwischen dem Nauberg im Norden und dem Rothenklee im Süden. Der vom Magistrat erwähnte „öffentliche Weg“ war Teil einer Route der Köln-Leipziger-Straße, die via Siegen, Altenkirchen, Hachenburg und Kirburg nach Marburg führte, der sog. „Weller Weg“. Er überquerte, von Hachenburg kommend, die Arfelder Brücker, durchquerte das Nistertal in Nord-Süd-Richtung und führte dann steil auf den Nauberg hinauf. Für den Fernhandel, aber natürlich auch für den regionalen Warenverkehr zwischen Hachenburg und Kirberg war ein guter, fahrbarer Zustand von essentieller Bedeutung. Die Regierung stimmte daher der Flussbegradigung zu.

Skizze zur geplanten Begradigung der Nister
Oben (Norden) die Arfelder Brücke, bei A die gefährdete Stelle der Fernstraße. Der ursprüngliche Plan sah einen Durchstich zwischen B und C durch (HHStAW Abt. 342 Nr. 390)

Doch die Einwohner des Dorfes Nister, die in dem Wiesental begütert waren, waren mit diesem Projekt keineswegs einverstanden, auch wenn sie für den Verlust an Wiesengrund, den das neue Flussbett verursachte, angemessen entschädigt werden sollten. Sie fürchteten wirtschaftliche Einbuße und Beeinträchtigung ihrer Weiderechte, da der bisherige Flusslauf die Grenze zwischen Nister und Hachenburg bildete und eine Verschiebung nach Norden künftig umständliche Flussüberquerungen zu den Weidegründen erforderlich gemacht hätte. Auch wenn sich das vielleicht noch hätte regeln lassen, war ein weiteres Argument nicht von der Hand zu weisen: Aus ihrer Erfahrung wussten die Wiesenbesitzer, dass die Nister immer das linke, d.h. das südliche Ufer am Rothenklee einriss. Es „wäre daher vorherzusehen, daß wenn das Projekt der neuen Leitung ausgeführt werden sollte, der District nach und nach bis an das alte Beet [Bett] eingerissen werden würde (…) und die Sache als dann doch wieder auf dem alten Fuß stehe.“ Weder gutes Zureden noch Strafandrohungen und Strafzahlungen konnten die Nisterer vom Sinn der Flussbegradigung überzeugen, und schließlich vertrieben sie die Arbeiter mit Gewalt von ihren Wiesen. Erstaunlicherweise lenkte die Regierung ein.

Als Alternative schlugen die Bauern vor, dass sich die Nister selbst ein neues Bett suchen solle: Mit Hilfe eines Wehrs sollte sie über eine Sandbank geleitet werden. Ein Damm aus Schanzkörben und Steinen, etwa 100 Schritte vom Ufer entfernt, sollte die Straße in dem besonders gefährdeten Abschnitt vor Hochwasser und Eisgang schützen.

Plan der Begradigung der Nister
Die Nister wurde durch ein Wehr bei A abgeleitet und suchte sich selbst ein neus Bett. Es verlief weiter südlich (hier rechts) als ursprünglich vorgesehen (HHStAW Abt. 342 Nr. 390)

Der Plan wurde tatsächlich so umgesetzt. Forstrat Armack wurde mit der Überwachung der Arbeiten beauftragt, obwohl er selbst das Vorhaben kritisch sah. Nach seiner Einschätzung hatte die Nister zu viel Gefälle, d.h. der Druck auf den Damm würde bei Hochwasser zu stark werden. Der eher provisorisch errichtete Damm hielt immerhin vier Jahre, was die Bauern wohl in trügerischer Sicherheit wiegte. Mahnungen des Forstrates, die bei jedem Hochwasser entstandenen Schäden gleich zu reparieren, wurden unbeachtet gelassen, und er selbst sah sich auch nicht im Handlungszwang, da er nicht mehr für den Damm zuständig war.
1802 schließlich durchbrach die Nister den Damm und kehrte in ihr altes Bett zurück – und wurde erneut zu einer Gefahr für die wichtige Fernstraße. Nachdem der Bau des Dammes 542 Reichstaler verschlungen hatte, forderte die Regierung Forstrat Armack zum Bericht auf. Er jedoch wies jede Verantwortung von sich. Nach seiner Meinung gab es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder den Bauren durch den Sinn zu fahren und den Fluß auf die andere Seite zu bringen, oder das Ufer an der Straße her durch eine tüchtige Spießmauer zu sichern.“

Offenbar blieb es bei den provisorischen Lösungen – die Nister wurde erst Jahrzehnte später reguliert. Jetzt durchschneidet nicht der Fluß, sondern die Bundesstraße 414 das Nistertal zwischen Nauberg und Rothenklee, wohingegen der Fluß südlich davon entlang des Rothklees verläuft. Einige alte Flussschleifen sind noch immer im Gelände erkennbar.
(HHStAW Abt. 342 Nr. 390 und 391).
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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