Vor dem Schaden klug sein!

Marburger Kultureinrichtungen bilden Notfallverbund

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Unterzeichnung der Notfallvereinbarung am 12. April 2022 in Marburg
Unterzeichnung der Notfallvereinbarung am 12. April 2022 in Marburg

Im Bild: Die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn, die Marburger Bürgermeisterin Nadine Bernshausen, der Präsident der Philipps-Universität Marburg Prof. Dr. Thomas Nauss, der Verwaltungsleiter des Herder-Instituts Dr. Christian Schmidt sowie Gottfried Graf Finck von Finckenstein für die Stiftung Deutsches Adelsarchiv (v.l.n.r.)

Starkregen, Stürme und Gewitter treten infolge des Klimawandels immer öfter und heftiger auf. Ende Januar 2021 gab es in Teilen Mittelhessens massive Überschwemmungen; im Mai 2018 drang nach einem Gewitter Wasser in den Neubau der Universitätsbibliothek Marburg ein, im Staatsarchiv Marburg stand es bis an die Schwelle zu den Archivmagazinen, in der Archivschule knöchelhoch. Angesichts dieser und weiterer, etwa militärischer, Bedrohungen haben Kultureinrichtungen in Marburg Anfang 2021 eine Arbeitsgruppe gebildet, um ihre Notfallvorsorge auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen, ihre Kräfte als „Kulturgutretter“ zu bündeln und sich gegenseitig effizient unterstützen zu können. Nicht zuletzt die verheerende Flutkatastrophe Mitte Juli 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat gezeigt, wie hoch das Ausmaß an Schäden durch solche Ereignisse in denkmalgeschützten Gebäuden sowie Kommunal- und Kirchenarchiven sein kann und wie wichtig anschließend eine schnelle, professionelle Bergung und konservatorische Behandlung des Kulturgutes ist. Eingeübtes, fachgerechtes und beherztes Handeln möglichst vieler Hände kann Totalverlust verhindern und die Kosten einer Restaurierung senken.

Gründungsmitglieder des Verbunds sind neben der Universitätsbibliothek und dem Hessischen Staatsarchiv Marburg als Initiatoren das Archiv der Philipps-Universität, das Stadtarchiv, das Deutsche Adelsarchiv und die Archivschule sowie das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas, das Herder–Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft, das Hessische Landesamt für geschichtliche Landeskunde sowie die Außenstelle Marburg des Landesamts für Denkmalpflege Hessen. Als ersten Meilenstein haben die Marburger Partnereinrichtungen gebäudespezifische Gefahrenabwehrpläne nach einem abgestimmten Muster erstellt. Für die kommenden Jahre sind die Beschaffung gemeinsamer Notfallausrüstung und Notfallübungen vorgesehen. Denn für den Ernstfall gewappnet zu sein, bedeutet vor allem: Üben, üben und nochmals üben. Dies geschieht in enger Abstimmung mit Feuerwehr und Polizei. Bei der feierlichen Unterzeichnung hatte man so zunächst im Landgrafensaal des Staatsarchivs den Eindruck, an einer Notfallübung teilzunehmen, war doch die Ausrüstung, die das Staatsarchiv Marburg für den Notfall angeschafft hat, in eindrücklicher Weise ausgestellt. Daneben konnten sich die Teilnehmer / Teilnehmerinnen ein Bild von einem konkreten Bestandserhaltungsprojekt, der Reinigung und Neuverpackung von Siegeln, machen.

Erläuterung der konservatorischen Maßnahmen an Siegeln durch Dr. Francesco Roberg und Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß
Erläuterung der konservatorischen Maßnahmen an Siegeln durch Dr. Francesco Roberg und Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß

Nach Begrüßung durch den Leiter des Staatsarchivs Dr. Johannes Kistenich-Zerfaß und die Leiterin der Universitätsbibliothek Marburg Dr. Angelika Wolff-Wölk, betonte Ministerin Angela Dorn in ihrem Grußwort den Beitrag des Notfallverbundes zur Erfüllung von Artikel 62 der Hessischen Verfassung, in dem die Aufgabe des Staates verankert ist, unsere Kultur im besonderen Maße zu sichern und nachhaltig zu schützen. Dr. Ursula Hartwieg, Leiterin der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK), dem Bund-Länder-Projekt, das seit zehn Jahren maßgeblich Bestanderhaltungsprojekte und Notfallvorsorge in Archiven und Bibliotheken unterstützt, ging in ihrem Vortrag auf die Struktur der etwa 60 aktuell bestehenden Notfallverbünde und ihre Förderungsmöglichkeiten durch die KEK ein. Die Übersichtskarte über die Verteilung der Notfallverbünde wies bislang für Hessen einen weißen Fleck auf – es bestanden bis 2022 Zusammenschlüsse in Darmstadt und für Kassel/Nordhessen. Mit der Gründung des Marburger Notfallverbundes ist dieser weiße Fleck nun deutlich kleiner geworden. Weitere Einrichtungen und auch private Initiativen sind eingeladen, sich dem Verbund anzuschließen.

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