Keineswegs nur ein Ehrenamt: Der Oberstallmeister

Aufgaben und Anforderungen eines ausgestorbenen Berufs

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Entwurf für eine viersitzige Kutsche
Entwurf für eine viersitzige Kutsche (HHStAW Abt. 126 Nr. 351)

Das Amt „Oberstallmeister“ an einem frühneuzeitlichen Fürstenhof klingt mehr nach einem Ehrentitel als nach harter Arbeit. Tatsächlich jedoch waren damit zahlreiche verantwortungsvolle Aufgaben verbunden, wie eine reichhaltige Aktenüberlieferung im Hessischen Hauptstaatsarchiv zeigt (HHStAW Abt. 126 Nr. 341 bis 351 und 665).

Mit 35 Jahren wurde Ferdinand Joseph W.W. von Hohenfeld (1740-1810) zum Oberstallmeister des Kurfürsten von Trier berufen. Fortan oblag ihm die Aufsicht über das Personal der verschiedenen Stallungen in der Residenz in Koblenz, der Hofpagen, der Hoftrompeter und -pauker, der Invaliden sowie natürlich der Pferde und Kutschen bzw. Wagen. Zusätzlich war er für alle Beschaffungen in seinem Aufgabengebiet einschließlich Fouragierung und die Rechnungsführung zuständig.

Personal des Kurfürstlichen Hofstalls in Koblenz, 1775
Die Kutscher, Vorreiter und Beiläufer der Kutsch- und Postgespanne (HHStAW Abt. 126 Nr. 341)

Welche Dimensionen dies konkret hatte, geht aus einer Aufstellung des Jahres 1776 hervor. Insgesamt unterstanden Ferdinand Joseph von Hohenfeld 78 (erwachsene) Personen, von denen über die Hälfte im sog. „Churtrierischen Hoffdienststall“ arbeiteten. Die meisten waren Vorreiter, Reitknechte oder Kutscher; hinzu kamen Handwerker wie Wagenmeister, Sattelknecht und Schmiede, zwei Heubinder und ein Futterschreiber. Im Hofschul-Stall arbeiteten acht Reitknechte – hier gab es keine Kutscher –, im Bau- oder Cameralstall hingegen acht Fuhrknechte. Eine besondere Gruppe stellten die fünfzehn Invaliden dar, ehemalige Mitarbeiter der Stallungen, die aufgrund von Alter oder Krankheit nicht mehr voll arbeiten konnten.
Während der Oberstallmeister selbst 666 Reichsthaler pro Jahr verdiente, erhielt sein Stellvertreter mit 265 Reichsthalern nicht einmal die Hälfte. Lediglich die Handwerksmeister und der Leibkutscher sowie der Leibvorreiter des Kurfürsten verdienten noch über 100 Reichsthaler. Für alle anderen war ein Standard-Gehalt von 96 Reichsthalern vorgesehen, zu denen allerdings noch die „Montierung“, d.h. Kleidung bzw. Uniform, hinzukam. Auch die Invaliden, die vom regierenden Kurfürsten eingestellt worden waren, erhielten eine jährliche Unterstützung von 96 Reichsthalern; die aus den Zeiten seines Amtsvorgängers etwas weniger. Interessanterweise wurde der Betrag auch dann gezahlt, wenn die Invaliden keinerlei Arbeit mehr leisten konnten wie etwa der Kutscher Rosnagel, der „alters wegen zur Arbeit ohntauglich“ war, Tragtierknecht Zacharias - „sehr alt und ohntauglich“ - oder der Fuhrknecht Rus, der „durch beschädigung von einen Pferd an Kopf wahnsinnig“ geworden war.

Personal des Kurfürstlichen Hofstalls in Koblenz, 1775
Die Reitknechte des kurfürstlichen Hofstalls in Koblenz und die von ihnen betreuten Pferde (HHStAW Abt. 126 Nr. 351)

Eine Stallordnung legte die Aufgaben des Stallpersonals fest. Wichtig war eine gute „sittliche Aufführung“, zu der auch „eine für das Wohl der Pferd und Thier gegenselbe erforderliche Liebe“ gehörte. In Fällen von Unterhalts- und Erbstreitigkeiten übte der Oberstallmeister die Gerichtsbarkeit über das Personal aus, was auch Tadel, Schand- und Geldstrafen, aber ausdrücklich keine Körperstrafen beinhaltete. Pferde und Kutschen durften nur auf Anweisung des Stallmeisters vom Dienst verwendet oder ausgegeben werden, was dem Personal eine gewisse Sicherheit gegenüber missbräuchlichen Befehlen von Hofbeamten oder Militärangehörigen gab.

Personal des Kurfürstlichen Hofstalls in Koblenz, 1775
Mussten nach Möglichkeit noch mitarbeiten, wurden aber auch sonst versorgt: Die "Invaliden" des kurfürstlichen Hofstalls (HHStAW Abt. 126 Nr. 351)

Die Stallungen des Kurfürsten umfassten 122 Pferde, davon 29 Kutschpferde für vier Gespanne, 18 Postpferde (3 Gespanne), 36 Reitpferde und etliche weitere Pack- und Zugpferde. Auch Maultiere wurden als Zugtiere für Post- oder Wagengespanne eingesetzt. Jedes Kutschgespann wurde von einem festen Team betreut, das aus Kutscher, Vorreiter und Beiläufer bestand; die Postgespanne wurden jeweils von einem Kutscher und einem Vorreiter gelenkt. Bei der Zusammenstellung der Kutschgespanne ging man nach ästhetischen Maßstäben vor – es gab jeweils einen Zug Rappen, Füchse, Schwarzbraune und Schimmel. Die Postgespanne waren sämtlich Rappen. Jeder Reitknecht kümmerte sich um drei Pferde, worunter auch die Pferde des Oberstallmeisters und anderer höherer Beamter oder Bediensteter waren. Zumindest die Reitpferde hatten Namen, die allerdings nicht sehr kreativ waren – Superbo, Duchesse, Mylord, Monsieur und Castellan, Husar, Ungar, Maitresse oder Türc, Favorit und Engländer. Die meisten Reitpferde waren Wallache und zwischen 8 und 11 Jahre alt. Der vierundzwanzigjährige Wallach Collernel war bei weitem das älteste Reitpferd im Stall, gefolgt von der Stute Duchesse, ein Mückenschimmel von 15 Jahren. Auch die Kutsch- und Postpferde waren fast ausschließlich Wallache, wohingegen die Hälfte der Pferde - ausgerechnet - im Schulstall Hengste waren.
Ferdinand Joseph von Hohenfeld machte sich persönlich Notizen über den Zustand der Pferde und ihre Verwendung. So schlug er vor, die Stute Madame ins kurfürstliche Gestüt nach Montabaur zu bringen und zu belegen, wohingegen der gesamte Zug von Schwarzschimmeln und fünf andere Pferde, darunter auch der alte Collernel, verkauft werden sollten.

Entwurf einer gelben Kutsche, um 1775
Entwurf einer gelben Kutsche (HHStAW Abt. 126 Nr. 351)

Bei Dienstantritt des neuen Oberstallmeisters im Jahr 1775 gehörten 15 Wagen zum kurfürstlichen Hofstall in Koblenz. Ihre Benutzung war genau geregelt. So war Wagen No. 1, eine viersitzige, rote und innen mit rotem Plüsch ausgeschlagene Kutsche, für die Hofräte und Sängerinnen (!) bestimmt, „wenn aber beyde zugleich zu bedienen kommen sollten, so bleibt dieser für die Sängerinnen, und die Herren Hofräte werden mit No. 5 bedient.“ Diese grüne Kutsche war ansonsten für die „Herren Cavaliere von oder nach Hofe“ und „für die Herren von der Conferenz“ gedacht. Das mit blauem Plüsch ausgeschlagene, braune Coupé (No. 4) war für die Kammerherren vom Dienst und den Oberjägermeister „bey garstigem Wetter“ gedacht; wenn aber beide zugleich fahren wollten, musste einer ebenfalls den Wagen No. 5 verwenden. No. 8, ein grünes Coupé, war für Fremde oder Domherren vorgesehen und konnte auch von Damen verwendet werden, sofern sie allein fuhren. Aufgrund des schlechten Zustands etlicher Kutschen wollte Ferdinand Joseph von Hohenfeld den Fuhrpark grundlegend erneuern. Für insgesamt 8350 Reichsthaler sollten neue Wagen angeschafft, alte renoviert und Geschirre ausgebessert werden, wofür er sich Entwurfszeichnungen von Kutschen zuschicken ließ. Welche davon letztlich ausgewählt wurde, ist nicht bekannt.

Katalog der "Pagerie" in Koblenz: Wissenschaftliche Werke
Katalog der "Pagerie" in Koblenz: Wissenschaftliche Werke (HHStAW Abt. 126 Nr. 344)

Zusätzlich oblagen dem Oberstallmeister die Aufsicht über die acht Pagen. Die jungen Söhne von Adelsfamilien lernten am Hof des Kurfürsten nicht nur standesgemäßes Benehmen, sondern genossen auch eine schulische Ausbildung. Hierzu unterhielt die sog. „Pagerie“, in der sie untergebracht waren, eine eigene Bibliothek, die neben zahlreichen Sprach- und Grammatikbüchern und religiösen Werken auch Geschichtsbücher und wissenschaftliche Abhandlungen umfasste. Ferdinand Joseph von Hohenfeld war das Pagenwesen insgesamt zu kostspielig; schließlich mussten man nicht nur die Unterbringung, Ausbildung und Verköstigung der jungen Leute bezahlen, sondern auch verschiedene Uniformen samt Schuhen, den „Friseur nebst Poudre und Pomade“ – und vier weitere Diener, die ihrerseits die Pagen bedienten. Insgesamt summierten sich die Kosten für die „Pagerie“ auf 11000 fl. jährlich, die Ferdinand Joseph durch Umorganisation auf 9333 fl. zu reduzieren versuchte.

Wie der kurze Einblick zeigt, erforderte das Amt des Oberstallmeisters neben Organisationstalent und Personalführung auch eine hohe Sachkenntnis. Die Überlieferung zu Ferdinand Joseph von Hohenfeld lädt ein, sich mit diesem heutzutage ausgestorbenen Beruf näher zu beschäftigten.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

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