„Ortsbeschreibungen aus Kurhessen“ online gestellt

Wertvolle sozial- und wirtschaftsstatistische Quelle

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Ortsbeschreibung von Kirchhain (Ausschnitt) (HStAM Best. Slg 1 Nr. 3/36)
Die Ortsbeschreibungen enthalten detaillierte Fragen zur Wirtschafts- und Sozialstruktur der Orte. (Ortsbeschreibung von Kirchhain, Ausschnitt, HStAM Best. Slg 1 Nr. 3/36)

Für die Mitte des 19. Jahrhunderts stehen für Kurhessen wichtige Quellen online zur Verfügung, mit denen sich die Situation der Landschaft und Besiedlung sowie die Bevölkerungsverhältnisse gut erforschen lassen. Neben der Niveau-Karte des Kurfürstentums auf 112 Blättern im Maßstab 1:25.000, erstellt in den Jahren 1840-1861 (Link zur Karte in Lagis), sind es die sogenannten Ortsbeschreibungen aus Kurhessen, die Momentaufnahmen kurhessischer Ortschaften Mitte des 19. Jahrhunderts detailreich wiedergeben. Diese sind nun in Arcinsys digital verfügbar.

„Die Landecker sind ein kräftiger Menschenschlag mit groben Gesichtszügen, dunkelen Haar und dunkelen Augen, der sich bekanntlich durch seine Geradheit und Grobheit (die sprichwörtlich geworden) auszeichnet. An und für sich sind sie fleißig, sparsam und einfach, seit aber das Proletariat in Schenklengsfeld so sehr gewachsen, hat der Branntwein in sittlicher und materieller Beziehung große Verderbniß angerichtet“.
Diese Beschreibung der Einwohner in der Ortsbeschreibung von Schenklengsfeld stellt neben zugeschriebenen Charaktereigenschaften auch die sozialen Verhältnisse dar und deutet Entwicklungen einer Gesellschaft an der Schwelle zur Industrialisierung an. Sie ist Antwort auf eine der insgesamt 186 Fragen in den Ortsbeschreibungen aus Kurhessen. Neben sozialstatistischen und medizinischen Daten – Einwohnerzahl, Bezieher von Armenunterstützung, Anzahl der Blinden, „Taubstummen“ und „Stumpfsinnigen“ – werden die geographische Lage des Ortes, Konfessions-, Kirchen und Schulverhältnisse, Gebäudesituation und Bauweise oder das Vorhandensein von Mühlen, Brunnen, Brücken, Dämmen usw. dargelegt. Es folgen die landwirtschaftlichen Verhältnisse („Welche Frucht gedeiht am besten? Weizen und Saubohnen“), Handel, Gewerbe und Industrie.

Ortsbeschreibung von Fritzlar (Ausschnitt), HStAM Best. Slg 1 Nr. 3/18)
In der Ortsbeschreibung von Fritzlar ist sogar angegeben, wie Tacitus die Eder einst nannte: Adrana (HStAM Best. Slg 1 Nr. 3/18)

Es liegt damit eine umfassende und vergleichbare, da immer nach demselben Formular erstellte Bestandsaufnahme von 62 Städten und über 1200 Dorfgemeinden vor. Diese wurde auf Anregung des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde zwischen 1852 und 1861 erstellt. Der „Ideengeber“ Georg Landau, bedeutender Landeshistoriker, kurfürstlicher Archivar und Mitbegründer des Vereins, knüpfte damit an die Tradition der Spezial- und Vorbeschreibungen des kurhessischen Katasters an, wie Ulrich Reuling herausgearbeitet hat (s. Literaturhinweis am Ende des Artikels).

Ortsbeschreibung von Kirchhain (Ausschnitt), HStAM Best. Slg 1 Nr. 3/65)
„Fitzgerten“ kommen bei der Beschreibung der Bauweise in den Ortsbeschreibungen häufig vor. Es handelt sich um Weidengerten zum Auskleiden der Fachwerk-Gefache verwendet wurden. (Ortsbeschreibung von Kirchhain, HStAM Best. Slg. 1 Nr. 3/36, Ausschnitt)

In die Überlieferung des Staatsarchivs Marburg gelangten sie, weil die kurhessische Kommission für statistische Angelegenheiten diese Materialsammlung unterstützte und ein Exemplar der in zwei Ausfertigungen vorliegenden Fragebögen über die Landratsämter einziehen ließ. Als Gewährsleute vor Ort dienten Bürgermeister, Pfarrer, Lehrer, Forst- oder Polizeibeamte.
Die Ortsbeschreibungen sind, nach Justizämtern sortiert, in Best. Slg. 1 Nr. 3/1 bis 3/81 des Staatsarchivs Marburg archiviert: Direktlink zur Serie "Ortsbeschreibungen von Kurhessen" in Arcinsys.

Katrin Marx-Jaskulski, Marburg

Literaturhinweis: Ulrich Reuling, Die kurhessische Siedlungs- und Agrargesellschaft an der Schwelle zur Moderne. Beiträge zu einer Strukturanalyse auf der Grundlage zeitgenössischer Ortsbeschreibungen, In: Siedlungsforschung. Archäologie, Geschichte, Geographie 17 (1999), S. 117-142.

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