Das phänomenale Phänomobil

Dreiradautos aus Zittau als Taxis in Frankfurt

Phänomobil 2 1000.png

Phänomobil des Zittauer Motorradherstellers Phänomen
Ein Phänomobil mit dem typischen außenliegenden Motor über dem Vorderrad. In der Halterung oberhalb des Nummernschilds konnte ein Scheinwerfer befestigt werden. In Verlängerung dazu befinden sich zwei Ventilatoren für die Motorkühlung.

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war die Zahl der Automobile in Frankfurt stark angestiegen. Da sich nur relativ wenige Personen eines der neuen Fahrzeuge für den privaten Gebrauch leisten konnten, fanden sie besonders als „Autodroschken“ (Taxis) großen Anklang. Schneller, komfortabler und von größerer Reichweite als eine Pferdedroschke wurden sie für die zahlreichen Fuhrunternehmer bald zu einer ernsthaften Konkurrenz. Die höheren Fahrpreise, die für die Autodroschken erhoben wurden, schreckten weniger die Fahrgäste als die Unternehmer ab, die sich in dem neuen Geschäftszweig etablieren wollten.

So richtete A. Schrapler, Oberleutnant zur See a.D., im Jahr 1913 ein Gesuch an das Königliche Polizei-Präsidium in Frankfurt, es möge doch (zusätzlich) Klein- oder Leichtkraftdroschken zulassen und ihm den Betrieb von zehn dieser Gefährte erlauben. Seine Argumente klingen erstaunlich aktuell:
1. Sie [die Kleinkraftdroschken] verpesten lange nicht so stark die Luft auf den Verkehrswegen,
2. Sie nehmen auf den Haltepläten und den Verkehrswegen weniger Raum fort, was bei dem Riesenverkehr der Großstädte sehr ins Gewicht fallen dürfte.
3. In Fällen der Gefahr sind sie leichter und schneller zu stellen [d.h. anzuhalten].

Als Kunden hatte er „den Arzt, Geschäftsreisende us.w.“ im Sinn. Übrigens wollte auch sein Sohn Richard Schapler, Hauptmann a.D., sich im Taxigewerbe etablieren und bat ebenfalls um die Zulassung von zehn Kleinkraftdroschken.

Das war ein komplizierter Vorgang mit langen Wartenlisten, da die begrenzte Anzahl von Konzessionen für Pferdedroschken auf die Automobile umgerechnet wurden: Für die Zulassung einer Kleinkraftdroschke zum Personentransport brauchte man in Frankfurt 5 Konzessionen von Pferdedroschken; für ein großes Automobil waren in Berlin 10 Pferdedroschken-Zulassungen erforderlich.

Um dieses Problem zu umgehen, hatte sich der Fahrradhändler Johann Häusler, der ebenfalls ins Taxigewerbe einsteigen wollte, nach Alternativen umgesehen und war in Leipzig fündig geworden. Dort waren schon seit einigen Jahren „Phänomobile“ im Betrieb, eine Erfindung des Zittauer Motorradherstellers Phänomen.

Phänomobil des Zittauer Motorradherstellers Phänomen
Der Innenraum wies allen Komfort eines vierrädrigen Autos auf: Bequeme Sitze, Aschenbecher, Sprechverbindung zum Fahrer und vieles mehr.

Hierbei handelte es sich um etwas abenteuerlich aussehende Dreiradwagen für einen Fahrer und zwei Fahrgäste, deren auffälligstes Merkmal der außen frei und ungeschützt über dem Vorderrad angebrachte Vierzylindermotor war. Johann Häusler lobte die (vermeintlichen) Vorzüge des Phänomobils – Vorderradantrieb und Luftkühlung, das Fehlen von Differential, Wechselgetriebe, Kardanwelle und anderes. Gesteuert wurde das Phänomobil durch einen Lenkarm, der direkt von der Vorderrgabel über die Kühlerhaube durch einen Spalt unter der Windschutzscheibe in die Fahrgastzelle geführt wurde. Mit diesem Lenkarm ließen sich auch Vorwärts- und Rückwärtsgang sowie die zwei Gänge des Fahrzeugs einstellen, ohne dass dafür die Kupplung getreten werden musste. Mit der Maximaltankfüllung von 35 Litern (Benzin) kam man etwa 400 km weit; die Spitzengeschwindigkeit lag bei ca. 60-65 km.

Phänomobil des Zittauer Motorradherstellers Phänomen
Gut zu erkennen ist der Lenkarm, der - auch bei geschlossenen Fahrzeugen - unter der Windschutzscheibe hindurchführt. Die offene Kette, die das Vorderrad antreibt, wirkt wenig vertrauenserweckend.

Nach Johann Häusler war ein Ausbrechen oder Schleudern des Fahrzeugs fast unmöglich; zudem gab es eine Fuß- und eine Handbremse, „ausreichend auch für einen viel kräftigeren Wagen“. Geradezu naiv aber mutet seine Einschätzung bezüglich der Sicherheit für Passanten an: „Auch die vorn spitz zulaufende Form des Fahrzeuges ist ganz besonders im Stadtverkehr überaus vorteilhaft. Das Ueberfahren von Menschen ist praktisch fast unmöglich. Die keilartige Form des Fahrzeuges würde einen etwas angefahrenen Passenten [sic] unbedingt beiseite schieben. Der Mann würde neben dem Fahrzeug zu Boden kommen.“ Wie man jedoch den Zusammenstoß mit den heißen, laufenden Motorteilen und der Kette unbeschadet überstehen sollte, erklärt Häusler nicht.

Phänomobil des Zittauer Motorradherstellers Phänomen
Gut für den Hut: Das Rückverdeck konnte abgeklappt werden. Ganz ohne außenliegende Hebel kam auch das Phänomobil nicht aus: Die Hand- oder Feststellbremse befand sich auf der linken Wagenseite.

Glaubhafter erscheint da seine Meinung über die geringen Anschaffungs- und Wartungskosten. Sie betrugen angeblich nur die Hälfte oder gar nur ein Drittel derjenigen eines vierrädrigen Automobils. Gepolsterte Sitze, eine elektrische Deckenbeleuchtung, Schirm- und Stockhalter, Aschenbecher und ein Sprachrohr zum Fahrer sorgten auch bei vierrädrigen Automobilen für guten Fahrkomfort der Passagiere, aber im Gegensatz zu ihnen fuhr es sich im Phänomobil besonders ruhig, da es keine sich bewegenden, Vibrationen-verursachenden Elemente unter dem Unterboden gab. Für Regen- und Schneewetter oder auch für Straßenstaub und Schmutz scheint das Gefährt mit seinem freiliegenden Motor und dem Spalt für den Lenkarm jedoch nur wenig tauglich gewesen zu sein, wie auch der Automobilsachverständige Dr. A. Isbert 1914 urteilte.

Phänomobildroschken des Zittauer Motorradherstellers Phänomen in Düsseldorf
In Düsseldorf waren 1914 etliche Phänomobile als Taxis im Einsatz.

Johann Häusler erhielt die Erlaubnis, zunächst für ein Jahr lang den Betrieb von sechs Phänomobilen zu erproben, was erbitterten Widerspruch der Besitzer vierrädriger (Klein-)Kraftdroschken erregte, welche die Konkurrenz dieser kleinen und mit 6000 RM verhältnismäßig günstigen Fahrzeuge fürchteten. Häusler betrieb die Phänomobile bis mindestens 1916. Dann jedoch endet die Akte plötzlich mit dem undatierten Vemerk „Wegen des Eingehens der Dreirad-Kraftdroschken siehe die Personalakten Häusler 96541!“.

Das Phänomobil wurde bis 1927 produziert. Auch wenn sich dreirädrige Kleinautos als Standardfahrzeug nicht durchsetzen konnten, verschwanden sie nie aus der Automobilwelt. In vielen Ländern sind sie zum Lastentransport weiterhin in Gebrauch.
Dorothee A.E. Sattler, Hessisches Landesarchiv

(Quelle: HHStAW Abt. 407 Nr. 448)

Hessen-Suche