Knallen in der Neujahrsnacht

Mit Pistolenschüssen und Schweineblasen

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Aktendeckel der Akte HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 634
Aktendeckel der Akte "Schießen und sonstiger Unfug in der Neujahrs-Nacht und zu Neujahr" (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 634)

Wie bereits zu Silvester 2020 wurde von der Hessischen Landesregierung auch für den Jahreswechsel 2021/22 im Umfeld der Pandemiebekämpfung ein sogenanntes „Böllerverbot“ auf öffentlichen Plätzen erlassen. Statt Raketen abzufeuern, gilt es, sich Wunderkerzen und Knallerbsen zu begnügen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auch frühere Staatswesen sich mit diversen Neujahrstraditionen schwertaten – wenn auch nicht unbedingt wegen einer Pandemie. So war man in der Regierung zu Hanau im Jahr 1775 der Ansicht, dass unter denjenigen, die sich am Neujahrsschießen beteiligten, auch Betrunkene seien. In solchem Zustand mit Feuerwaffen zu hantieren, berge die Gefahr von Feuersbrünsten und anderen Zwischenfällen (HStAM Best. 86 Nr. 364). Daher war das sogenannte „Neujahrsanschießen“ verboten worden. Es konnte jedoch nur lückenhaft durchgesetzt werden: Die Schützen hatten zumindest auf den Dörfern die Gelegenheit, sich in Gärten und Feldern vor den Sicherheitsleuten zu verstecken.

Auch im 19. Jahrhundert hatte die Obrigkeit weiterhin mit Verstößen gegen das Schießverbot zu tun: So finden sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg in den Beständen des Kurhessischen Landratsamtes Schlüchtern mehrere Akten, die „Schießen und sonstigen Unfug in der Neujahrsnacht und zu Neujahr“ zum Thema haben. Am 24. Dezember 1834 beispielsweise wurden Bürgermeister und Schultheißen des Landratsamtes Schlüchtern durch den Landrat angewiesen, auf das Verbot des Neujahrsschießens zu achten. Dabei ging es seinerzeit nicht um Böller oder Raketen im heutigen Sinne, sondern um Gewehrfeuer: „[J]eder, der mit einem Feuergewehr betreten wird, oder der geschoßen hat[,] ist sofort zu verhaften und sodann zur Anzeige zu bringen.“ (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 634).

Bericht über das Auffinden von Schweineblasen (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 635)
Diese Knallerei war harmlos, jedenfalls für Menschen: Bericht über das Auffinden von Schweineblasen am Neujahrsmorgen (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 635)

In den folgenden Jahren wurde das Verbot des Neujahrsschießens erneut ausgesprochen. Die Bevölkerung hielt sich jedoch nicht immer daran. Dies geht aus einem Bericht aus dem Jahr 1862 hervor (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 635). Der Kommandant der Landgendarmerie in Salmünster berichtete, dass anlässlich des Jahreswechsels „in hiesiger Stadt einige Schüsse gelöst“ worden seien. Der Täter wurde jedoch nicht ausfindig gemacht. Auch im benachbarten Eckardroth (heute ein Stadtteil von Bad Soden-Salmünster) wurde gegen das Schießverbot verstoßen. Hier konnten die möglichen Täter durch den Ortsdiener und Nachtwächter Joseph Mangelmann ausfindig gemacht werden: Den beiden aus Kerbersdorf stammenden Gabriel Hachenbach und Georg Kettendörfer wurden jeweils eine Taschenpistole abgenommen. Weitere Ermittlungen wurden eingeleitet.
Dass das Schießen an Neujahr auch zu Sachschäden führen konnte, zeigt ein Bericht vom 4. Januar 1867: Der Wirt Friedrich Schmidt aus Züntersbach wurde Zeuge, wie in der Nacht zu Neujahr seine eigene Haustüre beschossen worden ist. Bei der sich anschließenden Verfolgungsjagd gelang es den Schützen, ihre Verfolger abzuschütteln und unerkannt unterzutauchen.

Tragisch endete das Neujahrsschießen 1893 hingegen für den Dienstknecht Wilhelm Schubert in Marjoß: Dieser hatte beim Schießen seine eigene Hand getroffen und musste damit ins Kreiskrankenhaus eingeliefert werden. Wenige Tage später berichtete der zuständige Bürgermeister, dass Schubert verstorben sei.
Wesentlich ungefährlicher erscheint dagegen eine andere Art, das neue Jahr zu begrüßen: Der Bürgermeister von Salmünster entdeckte die dazu nötigen Mittel am Neujahrstage des Jahres 1862: „Uebrigens sind am Neujahrsmorgen an verschiedenen Stellen der Straßen mehrere Schweineblasen aufgefunden worden, die, wenn sie mit Luft stark gefüllt und zerschlagen werden, bekanntlich einen dem Schuße ganz ähnlichen Knall verursachen“ (HStAM Best. 180 Schlüchtern Nr. 635).
Darüber jedoch, wie sehr dieser Knall wirklich einem Schuss glich, gingen die Meinungen auseinander. Laut Ansicht der Kurfürstlichen Landgendarmerie in Salmünster ließe sich durchaus ein Unterschied heraushören. Hier mag das geübte Ohr geholfen haben.
Matthias Klein, Marburg

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