Der Magier und die Wachstuchpakete

Misstrauen und Überwachung in der Zeit der Reaktion

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Zeitungsinserat über die geplante Vorstellung von Professor Franke
"Zaubertheater aus dem Reiche der natürlichen Magie": Ankündigung von Professor Franke im Kreisblatt von Hachenburg, 1853 (HHStAW Abt. 232 Nr. 421)

Am 16. September 1853 meldete das Kreisamt Limburg Verdächtiges an das Amt in Hadamar: „Ein gewisser Franke“ (auch Frank, Franken) aus Elberfeld habe sich acht Tage lang bei der Witwe Reichmann aufgehalten und „Vorstellungen als Taschenspieler“ gegeben. Die Profession war zwar dem Amt etwas suspekt, aber anderes viel wichtiger: Besaß Herr Franke Legitimationspapiere? Wie hatte er sich betragen? Und hatte er sich gar mit Personen getroffen, die als „Führer der democratischen Parthei“ galten?

Das Kreisamt Hadamar konnte Entwarnung geben: Franke, der sich „Professor“ nannte und Kunststücke „aus dem Reiche der natürlichen Magie“ vorführte, hatte in Hadamar zwei Vorstellungen gegeben, die „von hiesigen Angestellten und anderen vornehmeren Bürgern besucht worden sind, auch von vielen Gymnasiasten“, was wohl als Beweis seiner Redlichkeit gesehen wurde. Gleichzeitig mit ihm hatte Kaufmann Justi aus Idstein bei der Witwe logiert. Der Kaufmann und der Magier hatten offenbar einen Abend miteinander verbracht; allerdings war Justi gleich am nächsten Morgen abgereist. Über Frankes Betragen lagen keine negativen Berichte vor; er besaß sogar einen Reisepass, den er vorschriftsmäßig beim Amt abgegeben hatte. Die Personenbeschreibung erinnert ein wenig an Hercule Poirot: Ein gut gekleideter, „corpulenter Mann von mittlerer Größe“ und gesundem Aussehen, mit schwarzbraunem Haar, schwarzem Schnurr- und Knebelbart und Brille.

Trotzdem sah sich das Kreisamt Limburg bemüßigt, die Warnung vor Professor Franke auch an das Amt Hachenburg weiterzuleiten, wohin Franke abgereist war. Der Magier hatte Verdacht erregt, weil er „mit Wachstuchpaketen herumgegangen ist, welche zu seinem Geschäfte nicht zu gehören scheinen und möglicher Weise politische und aufreizende Schriften enthalten können“. Bislang hatte das Amt noch nicht herausfinden können, was in den Wachstuchpaketen gewesen war, stellte aber eifrige Nachforschungen an.
Doch auch aus Hachenburg kam bald Entwarnung. Professor Franke hatte lediglich eine Vorstellung gegeben und sich ansonsten weder politisch noch anderweitig betätigt.

Messingmünzen für Zauberkünste, um 1880
Welche Zauberkunststücke Professor Franke vorführte, ist nicht überliefert. Wir zeigen hier daher einige Messingmünzen aus dem Nachlass eines anderen Magiers, Prof. Stengel, der einige Jahre später Berühmtheit erlangte (HHStAW Abt. 1142 Nr. 11)

Die Sache ließ dem Amtmann in Limburg keine Ruhe, und er wendete sich an die preußische Polizeidirektion zu Elberfeld. Zwar ließ sich kein Verdacht bestätigen, aber vielleicht gehörte Franke der demokratischen Partei an… Die Antwort der Polizeidirektion traf schon drei Tage später ein und verschaffte dem Amtmann wahrscheinlich eine gewisse Befriedigung: Franke hatte in den Revolutionsjahren 1848/1849 der Umsturzpartei angehört, war „deshalb auch zur Untersuchung gezogen“, allerdings vom Assisenhof in Düsseldorf freigesprochen worden. Dennoch riet die Polizeidirektion „wegen seines Thun und Treibens“ zur Überwachung.

Gewissenhaft schrieb der Limburger Amtmann nun einen ausführlichen Bericht an das nassauische Staatsministerium, in dem er besonders die Verdachtsmomente betonte: Franke war in einem Wirtshaus eingekehrt, „dessen Eigenthümer der democratischen Parthei angehört hat“, er war dort mit einem „Schnaps- und Zigarrenhändler“ zusammengetroffen, dann war da noch die Sache mit den ominösen Wachstuchpaketen und die Auskunft der Polizeidirektion Elberfeld…
Das Staatsministerium entschied innerhalb einer Woche über das weitere Vorgehen. Franke konnte zwar kein konkretes Vergehen nachgewiesen werden, aber immerhin gehörte er der Umsturzpartei an. Daher war er, wie das Ministerium an das Amt Herborn schrieb, „im Betretungsfalle alsbald aus- und über die Grenze zu weisen.“

Damit schließt die dünne Akte zum „Auftreten des ‚Professors der Magie‘ Franken von Elberfeld“. Obwohl sie nur wenige Schriftwechsel umfasst, ist sie doch ein ebenso gutes wie bedrückendes Beispiel für das politische Klima in der Reaktionsära nach der Revolution 1848 und ein Beleg dafür, wohin behördlicher (Über-)Eifer führen konnte. Es genügte das Misstrauen eines einzelnen Beamten, ein paar „Merkwürdigkeiten“ im Verhalten und ein zweifelhafter Beruf, um Verdacht zu erregen. Wenn dann noch eine entsprechende Vergangenheit hinzukam, hier die Zugehörigkeit zur Umsturzpartei, konnte sich die betroffene Person dem behördlichen Zugriff kaum noch entziehen. Mit der Ausweisung aus dem Herzogtum Nassau war es Professor Franke noch relativ glimpflich ergangen. Zu den Vorwürfen wurde er niemals angehört. (HHStAW Abt. 232 Nr. 421)
Dorothee A.E. Sattler, Wiesbaden

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