"Aktensignatur ‚HStAM Best. 17 I. Nr. 4302` ungelöst"

Rätselhafter Schlüsselfund in einer Gerichtsakte

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Bartschlüssel aus dem 16. Jahrhundert
Bartschlüssel aus dem 16. Jahrhundert (HStAM Best. 17.I Nr. 4302)

Ein Schlüsselfund in einer Akte des Marburger Staatsarchivs gibt Rätsel auf. Zwischen den Bögen eines Konvoluts aus dem 17. Jahrhundert befanden sich fünf gut erhaltene Bartschlüssel.

Zunächst jedoch zum eigentlichen Inhalt der Akte: Es handelt sich um die Dokumentation einer Erbschaftsauseinandersetzung aus dem 17. Jahrhundert zwischen Cornelius Bolen und seiner Schwester Marie Vogel in Kassel, vormundschaftlich vertreten durch ihren Ehemann Wilhelm Vogel, die gegen die übrigen Erben des Johann Schwalenberg (namentlich Maria Heis, Hans Schüssler u. a.) prozessieren. Bolen, Marie bzw. Wilhelm Vogel sowie im späteren Verlauf des Prozesses noch eine Witwe Judith Friese aus Lüneburg machen ihre Ansprüche in mehreren teils notariell beglaubigten Schreiben voreinander und vor den Kasseler Räten deutlich. Diese hatten in damaliger Zeit die volle Justizgewalt und waren in Erbstreitigkeiten sowie bei anderen Prozessen entscheidungsbefugt. Leider ist jedoch in der Akte kein Urteil zu finden. Auch scheinen die Entstehungsgründe der Erbschaftsstreitigkeiten sowie die Verwandtschaftsverhältnisse vertrackt. Offensichtlich handelt es sich um entfernte Verwandte, die sich einbrachten. So ist unter anderem von Schwalenberg als Stiefschwager die Rede.

Alles deutet darauf hin, dass es sich bei dem Erblasser um eine wohlhabende Persönlichkeit gehandelt haben muss. Wie seinem Testament und der Korrespondenz entnommen werden kann, war Schwalenberg Oberstleutnant in der Festung Kassel gewesen. Er stammte gebürtig aus Deisel, und die Streitigkeiten erstreckten sich auch über Ländereien dort. Dem Testament zufolge wollte Schwalenberg Zwistigkeiten über sein Vermögen durch seinen letzten Willen ausdrücklich verhindern, was jedoch nicht gelungen ist. Ein zuvor gültiges Testament hat er mit einem neuen aufgehoben und dies u. a. mit seinem Witwerdasein seit ca. 13 Jahren begründet. Obwohl nach seinen Angaben die Versorgung nur gerade so ausreichte, hatte Schwalenberg doch verschiedene Ländereien mit Behausungen und Gärten besessen. Unter anderem hatte er Abgabefreiheit auf eine Hufe in Deisel genossen. Der zugehörige Lehensbrief ist auf das Jahr 1597 datiert und von Landgraf Moritz eigenhändig unterschrieben.

Bartschlüssel aus dem 16. Jahrhundert
Die beigefügte Erklärung zum Schlüssel ist beinahe so rätselhaft wie der Schlüssel selbst. Hatte die verstorbene Ehefrau wirklich einen Nachschlüssel anfertigen lassen, um ihren Ehemann zu bestehlen, oder war dies eine posthume Beschuldigung des Mannes?

Hervorzuheben ist darüber hinaus ein Notariatsintrument über die Besichtigung des Schwalenbergschen Hauses in Kassel. Zum Streitobjekt geriet auch das Inventar des Hauses: die Barschaft, Kleinodien, sowie das Silber- und Zinngeschirr. Sollten die Schlüssel etwa zu dem beschriebenen Haus gehört haben und Zugang zu diesen Schätzen ermöglicht haben? Zwischen zwei Rechtfertigungsschreiben der streitenden Parteien lagen sie in der Akte. Einer befand sich in einem Leinensäckchen. In diesem steckte außerdem noch ein zusammengefaltetes und -gerolltes Notizzettelchen:
„Hier ynne ist der Diebschlüssel den mien Fraw hatt heimlich lassen machen und wan ich was habe for mich gebracht daruß gestolen darnach uffs gesindt geben das ich balde keinen jungen konte behalten und nach ihrem Dodt dessen Schlüssen in dem beutel gefunden sampt der muenz so ich verloren habe.“
Demnach hat sich die Ehefrau des Verfassers [Schwalenberg?] heimlich ein Duplikat des Schlüssels anfertigen lassen, mittels dessen sie sich aus dem Vermögen ihres Mannes bedient und anschließend die Dienerschaft des Diebstahls bezichtigt hatte. Wie beschrieben hat der Ehemann den Schlüssel erst nach ihrem Tod gefunden, zusammen mit einigen verlorenen Münzen.

Dieses Zettelchen gibt jedoch mehr Rätsel auf, als dass es eine Erklärung wäre. So bleibt der Zusammenhang zwischen den fünf Schlüsseln und dem Erbschaftsprozess leider weiter unklar. Waren sie Beweismittel im Prozess? Oder sind sie etwa über Umwege in die Akte geraten und gehören in einen ganz anderen Zusammenhang? Kann das Rätsel ent-schlüsselt werden?

Sachdienliche Hinweise nehmen wir gerne entgegen. Die ca. 6 cm dicke Akte kann unter der Signatur HStAM Bestand 17 I. Nr. 4302 bestellt werden. Die Schlüssel wurden entnommen und im Sammlungsbestand HStAM Slg. 20 unter der Nummer 32 (Direktlink zu Arcinsys) verzeichnet.
Julia Reinartz-Rains, Marburg