Rassistische Speisekarte

Verabschiedung eines Soldaten nach Deutsch-Südwestafrika 1898

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Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner
Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner, Vorderseite

Mit einem großen Fest wird der junge Seconde-Leutnant Karl Wörner (1873–1938) aus Darmstadt am 12. April 1898 von seinem Regiment ehrenvoll verabschiedet. Er wechselt kurz danach in die Kaiserliche Schutztruppe der deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). Zur Abschiedsfeier wird ein buntes Programm aufgeboten. Auf der von dem Zeichner Fr. Utsch signierten und kolorierten vierseitigen Karte (HStAD O 59 Wörner Nr. 44) prangt auf der Titelseite ein Bild einer pseudo-afrikanischen, eher oasengleichen Savanne mit der Silhouette von Kamelreitern, Palmen und einem Tierskelett unter der etwas bösartig lächelnden Sonne. Die von einer überdimensionierten Schlange umwundene Menütafel folgt auf der nächsten Seite. Zu deren Füßen sitzen wilde Tiere: ein Krokodil und ein Löwe, seitlich reckt eine Giraffe ihren Hals nach oben – alle ihren Blick bedrohlich auf eine Gruppe Afrikaner gerichtet. Wie eine Affenhorde thronen die Afrikaner in einer Baumkrone. Sie sind vollkommen nackt, nagen an Knochen und einer hält einen menschlich anmutenden Schädel in den Händen – vermutlich ein Hinweis auf Kannibalismus.

Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner
Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner, Innenseite

Auf der gegenüberliegenden Seite werden das Musikprogramm und die Weinkarte präsentiert. Auch sie sind von wilden Tieren und exotischen Pflanzen flankiert: ein Elefant, Affen, ein Kakadu gehören dazu, auch ein Nilpferd wird dargestellt. Beobachtet wird die ganze Szenerie von einem nackten, auf dem Bauch liegenden afrikanischen Knaben am unteren Bildrand. Den Mittelpunkt auf der Rückseite der Programmkarte bildet das Porträt Karl Wörners in Uniform, eingebettet in einer afrikanischen Fantasielandschaft bei Sonnenaufgang. Hinter seinem von einem Heiligenschein erleuchteten Kopf halten zwei nackte Afrikanerinnen einen Lorbeerkranz in die Höhe, um die angebliche „Überlegenheit der weißen Rasse“ in Gestalt des Leutnants Wörner zu krönen. Im unteren Bildrand wird auf die deutsche Heimat in Form einer Ansicht der Porta Nigra in Trier und einiger scherzhafter Symbole.

Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner
Programm zur Verabschiedung von Seconde-Leutnant Karl Wörner, Rückseite

Am 26. April 1898 begann die Überfahrt Wörners nach Deutsch-Südwestafrika auf dem Postdampfer „Lulu Bohlen“ der Woermann-Linie. Karl Wörner ist nicht lange dort geblieben, denn das tropische Klima bekam ihm nicht. Während seines Aufenthalts in der Kolonie legte sich Wörner eine umfangreiche Sammlung afrikanischer Volkskunst zu, die sich seit 2020 zum Großteil in der Wissenschaftlichen Gesellschaft in Swakopmund in Namibia befindet.
Welches Menschenbild Karl Wörner transportierte, ist seinem Nachlass nicht zu entnehmen. Über einzelne militärische Aktivitäten, eventueller Beteiligung an Massakern etwa im Herero-Aufstand 1904, dessen Beginn am 12. Januar 1904 datiert, also noch während Wörners Aufenthalt, ist im Nachlass nichts überliefert.

Trotzdem reicht eine „scherzhafte“ Einladungskarte zum Abschiedsfest, uns den Rassismus vor Augen zu führen, der damals Allgemeingut zu sein schien, im nationalsozialistischen Bild des „Untermenschen“ seinen menschenverachtenden, tödlichen Höhepunkt erreichte, aber leider bis heute nicht verschwunden ist.
Eva Haberkorn, Darmstadt

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