Ferienzeit – Urlaubszeit – Studienzeit

Rechnen für Fortgeschrittene oder Anfänger?

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Arithmetisches Text-Rechenbüchlein
Arithmetisches Text-Rechenbüchlein (HStAM Best. 83 Nr. 6488)

Die Schulferien werden in der Regel von Schulkindern dazu genutzt, sich vom Schulalltag zu erholen und neue Kraft für das anstehende Schuljahr zu sammeln. Daneben sind sie auch dazu gedacht, im Unterricht Versäumtes aufzuarbeiten oder an Fächern mit Defiziten zu arbeiten, um zukünftig mit dem neuen Unterrichtsstoff mithalten zu können. Klassische Hilfsmittel sind hier Lehrbücher. Ein solches aus der Frühen Neuzeit liegt – sogar handschriftlich – für das Fach Mathematik vor. Im Hanauer Bestand 83 (Konsistorium) haben sich in der Rubrik 8 „Fremdprovenienz ohne erkennbaren inhaltlichen Bezug zum Bestand“ zwei Rechenbücher erhalten. Eines ist ein handschriftliches Rechenbüchlein (HStAM Best. 83 Nr. 6492), das als praktische Handreichung gedacht ist.

Handschriftliches Rechenbüchlein
Handschriftliches Rechenbüchlein (HStAM Best. 83 Nr. 6492)

Es beginnt ganz einfach mit der Erklärung der vier Grundrechenarten Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Die ist etwas umständlich, und – wie die Abbildung zeigt – das Rechnen wird anders als heute üblich getätigt. Das Beispiel auf der rechten Seite unten links zeigt die Division der Zahl 339.528 durch 43. Im konkreten Beispiel wird ein Betrag an Reichstalern geteilt. Die Teilung erfolgt mit einer Rechenprobe, welche die diesen Artikel schreibende Historikerin nicht nachvollziehen kann. Wer kann darüber Aufschluss geben? Informationen bitte an: marburg@hla.hessen.de.

Anleitung für Division
Umständlich oder ganz einfach? Anleitung für Division (HStAM Best. 83 Nr. 6492)

Bei der praktischen Anwendung gerade der Umrechnung historischer Währungen ist zu beachten, dass diese nicht dem Dezimalsystem unterlagen. Sehr vereinfacht gesprochen bestand ein Gulden aus 20 Groschen, die wiederum 12 Pfennige umfassten. Dies ist nur eine ungefähre Orientierung, die sowohl regional als auch zeitlich sehr unterschiedlich war. Ähnlich verhielt es sich mit den Maßen und Gewichten. Die Gewichtseinheit Pfund (500 g) ist noch heute geläufig, bei anderen wird es etwas schwieriger.

Die nicht dem Dezimalsystem unterliegenden Einheiten machten das alltägliche Rechnen nicht einfach und daher eine intensive Übung nötig. Das fragmentarisch überlieferte, gedruckte Arithemtische Text-Rechenbüchlein (HStAM 83 Nr. 6488) war als Handreichung für das praktische und alltägliche Rechnen gedacht. Leider fehlen die ersten Seiten, aber ein Abgleich mit inzwischen online verfügbaren Editionen historischer Bücher zeigt sehr schnell, dass es sich um Johannes Georg Büttners Arithmetisches Text-Rechenbüchlein handelt, das von dem „Weyland Bürgers und Rechenschreybers allhier“ in Frankfurt verfasst worden ist. Es war als praktische Anleitung für Kaufleute und das Rechnen im täglichen Gebrauch gedacht, was sich auch in den Textaufgaben niederschlägt: „Item / eine Fraw dingt eine Magd / verspricht ihr des Jahrs zu geben 15 fl. Die bleibt nur 5 ½ Monate / wie viel wird man ihr schuldig seyn? Das Jahr vor 12 Monat“. Die Lösung wird gleich mitgeliefert: „/ facit 6 fl. 26 alb. 2 pf.“ Für die Freunde von Textaufgaben sei auch auf die auf der gleichen Seite untenstehende und auf der nächsten Seite fortgesetzte Aufgabe mit dem Federvieh hingewiesen.

Arithmetisches Text-Rechenbüchlein
Rechnen mit Alltagsbeispielen aus dem 17. Jahrhundert im "Arithmetischen Text-Rechenbüchlein": Eine Frau dingt eine Magd, jemand kauft in der Judengasse einen halben Ochsen, eine Köchin schickt ihre Magd einkaufen, ein anderer hat 20 Stück Federvieh...

Das Buch dürfte über den Autor in das Staatsarchiv Marburg gelangt sein: Er war der Vater eines gleichnamigen Sohnes, Johannes Georg Büttner (1612–1666), der als Pfarrer in Frankfurt und den umliegenden Dörfern tätig war, so dass möglicherweise das wohl recht verbreitete Rechenbüchlein, das wenigstens 14 Auflagen bis ins 18. Jahrhundert erreichte, über die Nähe zu Frankfurt in den Hanauer Besitz gelangt ist. Die Rechenbeispiele sind immer aus dem täglichen Umgang der Kaufleute genommen, weshalb es als praktische Orientierung und vor allem als Übung zu betrachten ist. Beide Büchlein zeigen, dass stetes Üben im Rechnen schon immer als notwendig erachtete wurde. Die Erklärung des Fachmannes, wie Laienschüler die Theorie umsetzen sollen, bleibt jedoch eher dürftig, zumindest für Mathe-Schwache. Für Mathematiker aber sind die Aufgabe eine kleine Spielerei oder Knobelei, genau richtig, um sich in den Ferien die Zeit zu vertreiben.
Eva Bender, Marburg

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