Calvinistische Reformation in Nassau-Dillenburg

Die Einführung des Calvinismus in Nassau-Dillenburg wurde neben Theologen stark geprägt von Kirchenpolitikern, die zum Teil eng an das Kurfürstentum Pfalz angeschlossen waren.

Geldenhauer 1.png

Geldenhauer
Brief von Gerhard Eobanus Geldenhauer (HHStAW Abt. 171 Nr. R. 995; Ausschnitt)

Gerhard Eobanus Geldenhauer (1537–1614)
Geldenhauer, genannt Noviomagus, war der Sohn eines Marburger Professors. Nach seinem Studium in Marburg und der Mitarbeit an der hessischen Kirchenordnung von 1566 wurde er von Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg nach Herborn berufen. Dort muss er als einer der Mitbegründer der reformierten Ausrichtung der Grafschaft angesehen werden. Seine nassauische Kirchenagenda von 1574 bereitete den Übergang vom Luthertum zum Calvinismus vor. Er war u.a. Hofprediger in Dillenburg.
Dass diese Entwicklung in engem Kontakt zu den Niederlanden erfolgte, belegt das ausgestellte Schreiben. Zwischen Philips von Marnix, dem Berater Wilhelms des Schweigers von Nassau-Oranien, und dem lutherischen Superintendenten Maximilian Mörlin war es zu einer Kontroverse über das Abendmahl gekommen. Mörlin war ein Befürworter der lutherischen Konkordienformel von 1577, die eine Annäherung an den Calvinismus unmöglich machte, und bekämpfte die reformierte Lehre. Geldenhauer hatte zu diesem Disput eine Stellungnahme verfasst und bat nun seinen Landesherrn um eine Viertelstunde Gehör, damit er seine Darlegungen direkt vor ihm vertreten könne. Darüber hinaus hatte er die Stellungnahme von Marnix zu Geldenhauers „De consilium concordia doctrina“ an Graf Johann VI. weitergeleitet, so dass dieser stetig über die religiösen Dispute auf dem Laufenden gehalten wurde. Ein Jahr später sollte er sich dann in einem Streit um die Examinierung Wilhelm Zeppers, der auf die lutherische Konfession verpflichtet werden sollte, gegen Mörlin zu Wort melden, was dazu führte, dass der Superintendent seine Haltung aufgeben musste.
Geldenhauers Devise scheint auf dem Blatt links zu stehen: „Amicus Plato, amicus Socrates, sed magis amica Veritas“ – „Freund Plato, Freund Sokrates, aber die große Freundin Wahrheit“.
HHStAW Abt. 171 Nr. R 995


Otto von Grünrade (1545–1613)
Zwar kein Reformator im eigentlichen Sinne, war Otto von Grünrade einer der führenden reformierten Kirchenpolitiker des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Er war Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg von dem kursächsischen Leibarzt Dr. Caspar Peucer in Wittenberg 1575 als Lehrer für die Grafensöhne empfohlen worden. In Wittenberg hatte von Grünrade studiert und war wegen seines Kontakts mit Lehrern, die Calvins Lehre vertraten, 1574 des Landes verwiesen worden. Über ein kurzes Zwischenspiel in Heidelberg gelangte er, nachdem das Kurfürstentum Pfalz wieder zum Luthertum zurückgekehrt war, nach Dillenburg. Als Hofmeister des Grafen Johann VI. von Nassau-Dillenburg hatte er schließlich maßgeblichen Anteil an der Einführung des reformierten Bekenntnisses in Nassau-Dillenburg und Solms-Braunfels.
Im Auftrag des Dillenburger Grafen fertigte er um 1580 das vorliegende Gutachten an, in welchem er ergründete, ob es richtig sei, dass sich die Kinder des Grafen während ihrer Ausbildung in Kassel den dortigen religiösen Gepflogenheiten anpassten. Es ging vor allem um die Verwendung des Weins beim Abendmahl und das öffentliche Brechen des Brotes, was in Dillenburg nicht üblich war.
Grünrade war – trotz seines calvinistischen Bekenntnisses – zögerlich und vorsichtig bei dessen Einführung, weshalb es 1592 auch zu einem Zerwürfnis mit dem Grafen kam. Er wechselte deshalb im gleichen Jahr wieder in das Kurfürstentum Pfalz zurück, wo der Calvinismus wieder Einzug gehalten hatte. Dort fungierte er als Präsident des Kirchenrates und wurde, nachdem das Verhältnis zu Johann VI. sich auf die Distanz wieder gebessert hatte, zu einem wichtigen Partner, um den Einfluss Nassau-Dillenburgs auf das Kurfürstentum Pfalz zu verstärken.
HHStAW Abt. 171 Nr. R 1023
 

Einleitung
Wittenberger Reformatoren
Lutherische Reformation in den nassauischen Grafschaften
Reformation in Genf
Calvinistische Reformation in Nassau-Dillenburg
Hohe Schule in Herborn
Calvinistische Netzwerke

Kapitelübersicht